Idles Brutalism

Von Christian Selzer, 16. Juni 2017

Punkrock und Architektur, wie passt das zusammen? Ziemlich gut, dachten sich die Idles, und benannten ihr Debütalbum „Brutalism“ nach dem gleichnamigen Baustil. Es könnte keinen besseren Titel geben. Die Bauten sind kompromisslos, roh und radikal, der betongewordene Mittelfinger an die bürgerliche Wohlfühlästhetik. Massengeschmack? Soll die Klappe halten. All das trifft auch auf die Musik der Idles zu: Die bösen Buben aus Bristol spielen rauen Postpunk mit klarer Kante, der mit zersägten Riffs und bissigen Stakkatorefrains den passenden Soundtrack zur Stimmung auf der Insel liefert. Brexit war gestern, heute werden Straßenlaternen ausgetreten. Brüder im Geiste sind die pöbelnden Sleaford Mods, bei der Wahl ihrer Waffen setzen Idles jedoch auf Gitarrenlärm statt Billigbeats.

Das einst stolze Königreich zerlegt sich selbst, und die Idles drücken genüsslich den Finger in die Wunde. In pointierten Refrains giftet Sänger Joe Talbot gegen den Selfiewahn („Queens“), mies bezahlte Jobs („Mother“) oder die Privatisierung der Gesundheitsversorgung („Divide & Conquer“). Doch was wirklich heraussticht, ist der spitze Humor, mit dem die Idles ihre Pfeile abschießen. Ein großartiges Beispiel dafür ist „Well Done“: Der Song listet im elterlichen Mahnton all die Dinge auf, die es braucht, um als vollwertiges Mitglied der Leistungsgesellschaft akzeptiert zu werden („Why don’t you get a job? (…) a degree? (…) a medal? Why don’t you like reggae?“). Talbots Antwort darauf: „I’d rather cut my nose off to spite my face!“ – „Lieber schneide ich mir meine Nase ab, um mir ins Gesicht spucken zu können!“

Musik aus England ist wieder aufregend. Idles liefern mit „Brutalism“ den Beweis dafür.

26/11/2017 Münster – Gleis 22
27/11/2017 Hamburg – Molotow
28/11/2017 Köln – Gebäude 9
29/11/2017 Heidelberg – Pret a Ecouter Festival

VÖ: 23. Juni 2017 via Cargo Records / Balley Records
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