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Yagow Yagow

Von Stefan Killer, 11. Juli 2017

Raus aus dem Alltag, rein in die Sphäre. Wenn die selbstbetitelte Debüt-LP der Saarbrücker Gruppe Yagow dem Hörer nicht genug strukturelle oder tonale Finesse bietet, hat er sich wohl im Genre vergriffen. Denn die Platte ist vor allem ein psychedelischer Ausbruch in kosmische Klangwelten. Nicht mehr und nicht weniger – doch das kann sie gut.

Zugegeben, spätestens bei dem Stück namens „Time to Get Rid of It“ kommt einem der Eindruck, der Titel sei wortwörtlich zu verstehen. Schließlich sind Aufbau und Stimmung mit seinem treibenden Schlagzeug-Groove und Overdrive-Bass sowie gebendet-bluesiger Gitarrenmelodie so oder so ähnlich schon einmal auf dem Album zu hören gewesen. Genauso die raren Modulationen und das als Pause getarnte Gitarren-Feedback, bevor das Treiben wieder von vorne beginnt. In diesem Sinn hätte dem Album ein bisschen mehr Abwechslung sicher gut getan. Besinnt sich der Hörer aber auf die Quintessenz der Musik von Yagow, nämlich kompromissloses Psychedelic- und Space-Rock-Instrumental mit textlich kaum verständlichem Hall-Gesang, sind Redundanzen nicht weiter schlimm.

Yagow versucht, den Hörer auf effektvolle Weise fortzuschicken. Nur manchmal wird er geerdet, meist durch bluesige Gitarrenmelodien. Ansonsten herrschen neben nahöstlich-klingenden Tausend-und-eine-Nacht-Teilen mit vibrierender Gitarre und treibenden Bauchtanz-Percussion wie in „Snake Charmer“ auch härtere und unbequemere Klänge vor. So stolpert in „Moss & Mint“ eine etwas atonale Industrial-Gitarre vor sich hin, die dann in einer geisterhaften Melodie untergeht. Jan Werner scheint am anderen Ende einer langen metallenen Lagerhalle zu singen, in die sich nur ab und an ein Lichtstrahl in Form von Werners Akkordwechsel auf der Gitarre verirrt. Am Ende wiegt sich der Hörer in einer wohlig-warmen Gitarrenmelodie benommen hin und her, während der dröhnende Bass ihn sanft bettet und vor dem Aufprall bewahrt.

Das wohl spannendste Stück hat Yagow „Non-Contractual“ betitelt: Es beginnt mit einem stehenden Ton, der ein bisschen an den Output eines Dudelsacks erinnert. Die Clean-Sounds Werners Gitarre treffen dann schnell auf die für das Album ungewöhnlich tonreichen Basslinien des Gastmusikers Kai Pfeifer. Dieser spielt nur in dem Stück an der Seite Marc Schönwalds, dessen Schlagzeug diesmal weit mehr Dynamik als in den anderen Stücken transportiert. Am Ende wird vieles aufgegriffen, bis eine Art Jam entsteht. Der stehende Ton vom Anfang dringt langsam wieder durch das gesamte Ensemble, um dann im Nirgendwo zu verschwinden.

Ist die Odyssee zu Ende verliert sich der Hörer genau da: in diesem Nichts, der Leere. Kaum ein bleibender Eindruck ist nach den sechs Stücken der entrückenden Yagow-Reise entstanden. Vielleicht ist noch die Melodie des letzten, „Nude-on-the-Moon Dance“, im Ohr. Sonst aber nicht viel – oder doch? In dieser zweifelhaften Ungewissheit lässt Yagow den Hörer zurück. Ihm ist, als sei viel und doch wenig während der vergangenen knappen dreiviertel Stunde passiert. Letztlich bleibt die Erinnerung an eine Flucht, die Reise in andere Klangwelten fernab des Mainstreams.

VÖ: 16. Juni 2017 via Crazysane Records
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