Von Nico Beinke, 28. September 2020

Kinder der Neunziger sind mit Crossover sämtlicher Couleur aufgewachsen, also Einiges gewohnt. Und wenn A Certain Ratio nicht offensichtlich eine originäre Musiksozialisation – fußend auf 60ies-Soul, „Funk ’n’ Punk“ – genossen hätten, ließe sich eine Band von Jünglingen vermuten, die die Neunziger weder erlebt, noch verstanden haben. Den „Mancunians“ und Factory-Records-Urgesteinen ist allerdings der Punk verloren gegangen und damit vielleicht ebenso Herz und Seele ihres ehemals atemberaubenden Stilmixes.

Wieso um alles in der Welt kann ich während „ACR Loco“ den Madchester Rave, den New Wave und Disco-Punk weder hören noch fühlen? Vielmehr höre ich die neu entworfenen Daft Punk, die angestaubten Glanztaten der Stereo MCs und Bands wie Propellerheads und Red Snapper heraus. Allesamt mittelgroße Helden der schon erwähnten Neunziger. Wobei Verirrungen wie das nach Euro-Dance Marke Dr. Albarn klingende „Family“ nur haarscharf der Peinlichkeit entgehen. (Die Neunziger bergen sehr viel Licht und Schatten, das kann ich euch als Überlebender sagen.) Gelegentlich blitzt ein wenig Safri Duo durch, wenn es eigentlich Acid Jazz hätte werden sollen, aber wie gesagt: Es ist ein schmaler Grat zwischen Kitsch und Kult. Apropos Acid Jazz — der Opener „Friends Around Us“, und das abschließende „Taxi Guy“, könnten innerhalb der legendären „The Future Sound Of Jazz“-Reihe auf Compost Records veröffentlicht worden sein. Gepaart mit den legendären Whirlpool Productions sind wir auf dem richtigen Wege, die Tanzbarkeit dieses ersten Albums seit zwölf Jahren zu beschreiben.

Der erste Eindruck war sehr durchwachsen, denn dieser überfrachtete Stilmix war in dieser ausgeprägten Affinität zu den Neunzigern nicht zu erwarten, aber es kommt halt alles wieder. Wie sang einst die große Shirley Bassey zur Musik der Propellerheads: „Yes I’ve seen it before / Just little bits of history repeating“. Sodann – well done.

VÖ: 25. September 2020 via Mute