Von Julian Neckermann, 22. August 2019

Der DIY-Allroundkünstler/Eigenbrötler Alexander Tucker steigt mit „Guild of the Asbestos Weaver“ zum achten Mal von den den Bergen des Wahnsinns herab, um uns fünf neue Offenbarungen zu überbringen, die er da oben von einem intergalaktischen Sender empfangen hat.

Die Labelankündigung verspricht eine Psych-Folk-Drone-Mischung, die ihre Inspiration aus Comics, H.P. Lovecraft im Allgemeinen und Ray Bradburys Fahrenheit 451 im Speziellen zieht (das Album trägt den Namen der Widerstandsbewegung in Bradburys Erzählung). Klingt nach einem ziemlich feuchten Traum für jeden Nerd. Eine kurze Recherche ergibt dann noch, dass Herr Tucker auch schon mit Stephen O’Malley zusammengedröhnt hat; Bilder des Musikers lassen an einen Serienkiller denken – entschuldigt bitte, das ist hart aber es war nun mal der erste Eindruck, der sich meiner von Vorurteilen zerfressenen Wahrnehmung aufgedrängt hat; man erwartet also düsteren Kram, cosmic horror – wie es ebenfalls in der Labelankündigung heißt. Dann erklingen die ersten blubbernden Elektroloops von „Energy Alphas“, kurz darauf setzt das Dröhnen einer verzerrten Gitarre ein und plötzlich erklingt diese Stimme, ein engelsgleicher Gesang, den man nur sehr schwer mit dem Musiker zusammenbringt. Nochmal ein Blick auf die Labelseite und in das hoffentlich erhellende Video „Alexander Tucker on comics and his creative process“: Man erwartet ein Interview, bekommt aber nur mit Musik unterlegte Szenen geboten, wie Tucker Comics zeichnet (er gestaltet die Artworks seiner Arbeiten alle selbst) und mit einem Tonbandgerät Geräusche, Schwingungen, was auch immer, aufnimmt. Bei seinem Outfit muss ich irgendwie sofort an 70er Jahre Science-Fiction-Filme denken – genial, langsam docke ich an!

Wider all meiner Erwartung breitet sich vor mir also ein richtig poppiger Klangteppich aus, der nur auf dem ersten Blick positiv-traumwandlerisch daherkommt. Nach mehrmaligem Hören und nach Auseinandersetzung mit der kryptischen Story, die Tucker mit mehrfach gelayerten und mit Echoeffekten unterlegten Vocals vorträgt, drängt sich mehr und mehr eine extrem dräuende, unheilvolle Stimmung auf. Um was es genau in „Energy Alphas“ und auch in allen anderen Songs inhaltlich geht, vermag ich ehrlich gesagt, nicht wiederzugeben. Ich denke aber, dass es Tucker genau darum geht: Assoziationen, Querverweise, Zitate. Bei „Energy Alphas“ kamen mir sofort Bilder von Lovecrafts „Der Flüsterer im Dunkeln“ in den Sinn. Dazu passt auch der Titel: Sind damit etwa Alphawellen gemeint? Mit der Messung eines verstärkten Anteils ebendieser assoziiert man einen Zustand leichter Entspannung bzw. entspannter Wachheit bei geschlossenen Augen. Wenn wir also bereit sind und die Augen schließen, wird uns Tucker allerhand uraltes Wissen zuflüstern.

Eklektisch geht es dann mit „Artifical Origin“ weiter. Mit den einsetzenden Streichern erwartet man fast schon ein neoklassisches Stück, bis das Ganze ab der Mitte dann richtig poppige 80er-Jahre Vibes aussendet. „Montag“ ist dann der erste Track, mit dem das Album – passenderweise als Midpoint – einen eindeutigen Stimmungswechsel vollzieht. Die elektronischen Beats und dissonanten Streicher transportieren jetzt ganz offen eine extrem bedrohliche, dystopische Stimmung. Das zieht tatsächlich runter und ist in der Gesamtheit der am wenigsten spannende Song des Albums, der durchaus seine Längen hat (obwohl es interessanterweise die kürzeste Nummer ist). Dafür strahlen dann die letzten beiden Nummern „Precog“ und „Cryonic“ umso mehr, also vielleicht ganz bewusst von Tucker so arrangiert. Die Songs sind so klug und vielschichtig arrangiert, dass sie wie eine Reise aus dem Tal der Tränen daherkommen – und leider gefühlt viel zu kurz geraten sind. Hier würde man gern länger mit geschlossenen Augen verweilen und dem repetitiven, fast schon mantrischem Gesang von Tucker länger lauschen und sich seine Geheimnisse zuflüstern lassen.

VÖ: 23. August 2019 via Thrill Jockey