Von Tim Brügmann, 17. Januar 2020

Party like there is no year. Die Industrial-Soul-Urgewalt Algiers veröffentlicht am heutigen Freitag ihr drittes Album „There Is No Year“ und beweist dabei Haltung wie sonst nur wenige Bands. Positiver Nebeneffekt? Auch musikalisch sind die vier Herren über sich hinaus gewachsen. Die elf sonischen Sprengsätze wirken wesentlich strukturierter als noch auf dem fantastischen „The Underside of Power“. Franklins imposante Predigten erhalten mehr Raum, Synthesizer und Gitarre wirken pulsierender und treffen stets ins Schwarze. Doch keine Sorge! Gemütlich läuten Algiers die neue Dekade keineswegs ein.

Das Post-Punk Gospel-Quartett beschäftigt sich weiterhin mit zwingenden Fragen wie kulturelle Autorität, Authentizität, Herkunft, bewaffnete Ignoranz und rassistische Überheblichkeit. Sie blicken tief in den Abgrund und gestehen sich auf „There Is No Year“ bisweilen auch ein, dass Veränderung nur schwer möglich ist. Doch was soll man sonst tun, außer sich laut zu zeigen? Genau dies tun Algiers mit vorbildlicher Integrität. Ein politisches Bewusstsein gerät bei Franklin James Fischer, Lee Tesche, Ryan Mahan und Matt Tong nie zum Gimmick und ist zu einem festen Bestandteil ihres Sounds geworden. Jede Zeile kauft man ihnen ab, jeder Ton scheint bewusst gesetzt und unverrückbar.

Vor allem Fans von Trent Reznors Soundtrack-Arbeiten wird der wummernde nervöse Sound begeistern, für den sich niemand geringeres als die Produzenten Randall Dunn (Sunn O))) und Ben Greenberg verantwortlich zeigen. Eine erhobene Faust wird zum Dirigenten von interessanten Saxophon-Einsätzen, Lo-Fi-Samples, einem an Michael Jackson erinnernden Refrain und schneidenden Gitarreneffekten, die Lee Tesche meist selbst anfertigt. Zwischen Slam-Poetry und Post-Punk-R&B ist der Stil von Algiers auch auf diesem Album nicht zu kategorisieren. Sade küsst Nine Inch Nails vielleicht? In Anbetracht der dargebotenen Sprengkraft ist ein Label aber auch gar nicht nötig.

Brennende Herzen und ein entfachter politischer Diskurs machen „There Is No Year“ ohne Umschweife zu einem der wichtigsten Auftakt-Alben der neuen 20er-Jahre und Algiers zur Band der fünften Minute vor 12.

12.10.2020 Hamburg – Knust
19.10.2020 Berlin – SO36

VÖ: 17. Januar 2020 via Matador Records