Von Tim Brügmann, 08. September 2020

Neues aus dem Hause Rieger. Tatsächlich nicht wirklich aufregend, wenn man bedenkt, dass das German Wunderkind of Post-Punk nur so mit Releases und Produktions-Notizen (Dransal, Mia Morgan, Ilgen Nur, Jungstötter…) um sich wirft. Doch nach Die Nerven, Obstler und vielen anderen guten Hausnummern schmeißt Max Rieger nun endlich auch ein Lebenszeichen seines Garde-Projekts All diese Gewalt in den Ring. Auf „Welt in Klammern“ und das nicht weniger beachtenswerte „Addendum“ folgt nun nach vier langen Jahren das neue Album „Andere“ und die passende Single samt Video.

Doch was macht All diese Gewalt im Rieger-Kosmos so spannend? Spannend, für jemanden, der die hiesige Musiklandschaft wie kaum jemand derart vorantreibt? Nun ja, Max Rieger zeigt sich bei diesem Projekt anders als in jeglicher Band-Konstellation als vor allem eins – verletzlich. All diese Gewalt bietet die Introspektive eines umtriebigen Künstlers, die in einer Banddemokratie oft mal untergeht. Und so ist auch der Titeltrack „Andere“ eine außergewöhnlich sphärische Abfahrt in die inner workings des Hauses Rieger. Was hier aus der Box kriecht, klingt voll, episch und doch sehr fragil. Vorbei an den schneidenden Gitarren und den treibenden Bassläufen seiner Hausmarken, schlängelt sich hier ein versierter Künstler ins Ohr, den man hierzulande lange sucht.

Auch wenn sein Metal-Exkurs unter dem Deckmantel Obstler dieses Jahr wieder einmal charmant an der Masse vorbei torpediert ist, könnte das zweite Album von All diese Gewalt für ein großes Aha sorgen. So gut wie nicht konzeptionell, nur lose zusammengehalten soll „Andere“ auch als Album in voller Länge klingen. Gar „furchtbar“ wie Rieger selbst urteilt und gleichzeitig zugibt nicht ganz mit sich im Reinen gewesen zu sein. Vier Jahre hat er daran geschraubt, „vier Jahre Selbstdekonstruktion“ lauten seine eigenen Worte.

Und wer sich einmal auf All diese Gewalt eingelassen hat, der weiß, dass diese Reise keine einfache ist. Aber wer das Bad in „tiefem Schmerz, manifester Einsamkeit und für den Moment endgültiger Verlassenheit“ nicht scheut, darf sich auf einen frischen Aufguss freuen. „Andere“ erscheint Anfang November erstmals über Glitterhouse Records.

VÖ: 06. November 2020 via Glitterhouse Records