Anna von Hausswolff – Dead Magic
© Lady Lusen

Anna von Hausswolff Dead Magic

Take the fate oft he human being, a thin pathetic line that contours and encircles an infinite and unknown silence. It is in this very silence, in an only imagined and unknown centre, that legends are born. Alas! That is why there are no legends in our time. Our time is a time deprived of silence and secrets; in their absence no legends can grow.

Diese Zeilen des schwedischen Schriftstellers Walter Ljungquist (1900-1974) teilt Anna von Hausswolff als einzigen Kommentar zur Promotion ihres neuen Albums „Dead Magic“. Und mehr braucht es auch gar nicht, eigentlich schon zu viel gesagt. Und damit beende ich auch schon meine Besprechung.

Nein, ich will es mir nicht nehmen lassen, meine Eindrücke zu „Dead Magic“ wiederzugeben, denn mit diesem Album hat es Anna von Hausswolff (wie wohlklingend kann ein Name eigentlich sein?) wirklich geschafft die Essenz der beiden, für sich allein genommen, schon extrem starken Vorgänger zu einem perfekt durchkonzipierten Epos zu verschmelzen. Und da klammere ich jetzt bewusst ihr Debüt „Singing from the Grave“ aus – welches auf jeden Fall hörenswert ist, es aber meiner Meinung nach noch ein vorsichtiges, orgelloses Herantasten an ihre erste Glanztat namens „Ceremony“ war: Diese Totenmesse mit wunderschönen Melodien, zeitgleich eine Huldigung dieser so vielschichtigen, wahnsinnig weiten Klänge der Orgel.

„The Miraculous“ hingegen war das finstere, diffuse Gegenstück dazu – die Songs konnten schwerer voneinander getrennt werden, vielmehr verschwammen sie konzeptionell zu einem zusammenhängenden, wabernd-dröhnenden, okkulten Mysterienspiel. Spürte man bei „Ceremony“ noch verstärkt die Wurzeln des nordischen Indie-Pops im Ausdruck des Schönklangs der Melodien, stößt einem „The Miraculous“ ins finstere Mittelalter, ins verzehrende Purgatorium; da züngeln die Flammen an der Schönheit der Formen und werfen diese im Moment, in der sie sich entzünden und vergehen, als geisterhaft tanzende Schatten an die kargen Wände des menschlichen Geschicks – diese dünne Grenze zu dieser unendlichen und unaussprechlichen Stille. Aber ist das nur eine Mummenschanz, eine Perversion der Platonschen Höhle, denn lässt es uns, kalkweißen, gesichtslosen Knochengestalten, blind füreinander, auf verbrannter Erde auf der Stelle taumeln.

Und da stampft Frau von Hausswolff das lediglich 47-minütige „Dead Magic“ aus dem ausgehagerten Boden. In der Zeit dieses feldkultischen Rituals zerhackt die Hexe mit engelsgleichem Aussehen den Zuhörer und verteilt seinen banalen Körper auf der durstigen Erde, aus der dann die frischen Leiber auferstehen. Auf keinem Vorgängeralbum hat sie es so gut Verstanden die Gegensätze nicht nur gegenüber zu stellen, sondern sie ineinander fallen zu lassen, wie auf „Dead Magic“.

So lädt uns „The Truth, The Glow, The Fall“ noch spielerisch zu diesem Übergangsritus ein; sphärische, verhaltene Orgelklänge lassen uns zur Ruhe kommen, die zarte Stimme Anna von Hausswolffs bettet uns sanft, nur damit wir im darauffolgenden „The Mysterious Vanishing of Electra“ erkennen, dass wir aufgebahrt in einer Gruft liegen, wir bewegungslos all unsere schmerzlichen Erinnerungen in Form endlos marschierender untoter Reinkarnationen unserer Selbst zu stoischen Gitarrenakkorden und monotonen Paukenschlägen vorbeiziehen sehen müssen. Klänge, die irgendwo zwischen Mittelalter und Neuzeit changieren. Dazu eine Frau, die es versteht, glaubwürdig ihre Stimme ins Bösartige, Klagende, Flehende, Kreischende, Hysterische kippen zu lassen, was sie dann auf „Ugly and Vengeful“ auf die Spitze treibt, diesem 16-minütigen Brocken, in dessen Mittelteil uns das namenlose Grauen in ungezügelten avantgardistisch-psychedelischen Ausbrüchen überwältigt. Man kann nicht anders, als an den ersten Auftritt der drei Hexen in Shakespeares Macbeth zu denken; wie sich diese Erdgeister aus dem Nebel schälen und über die pathetischen Versuche der Menschen, Gewalt über ihr Geschick zu erlangen, nur wie wahnsinnig lachen können.

Fast schon schaurig drängte sich mir dieses Motiv der scheiternden Ratio des Menschen beim Anblick des Covers auf: Sofort kam mir Henry James Novelle „The Turn of the Screw“ in den Sinn. Da will ein Mädchen ein Modellschiff zusammen bauen und wird beim Hineindrehen des Mastes von ihrem mittlerweile wahnhaften Kindermädchen daran gehindert. Das gewaltsame Ordnenwollen der Welt, versinnbildlicht durch die Bemächtigung des Mastes des Holzschiffes (ohne welchen dieses ziellos auf dem Meer treiben würde), erfährt schließlich seine Katastrophe im Mord am jüngeren Bruder des Mädchens durch die Kinderfrau – das absolute Präsens der Realität, das Durchdrehen der Schraube und der Moment der Stille. Wir befinden uns noch in der Zeit, in der jeder versucht am lautesten zu schreien, um Gewalt über die Realität der anderen zu erlangen, um so eine Welt zu ordnen, die überhaupt nicht darauf angewiesen ist, geordnet zu werden: Fake News – Fake Reality.

Erst wenn es zur Katastrophe kommt, wird es wieder still sein, wird wieder eine Zeit der Legenden und Geheimnisse anbrechen. Diesen Prozess bringt „Dead Magic“ symbolisch zum Ausdruck: Mit „The Marble Eye“ lässt von Hausswolff die Instrumente für sich sprechen – die Flächen der Orgeltöne gemahnen an das Atmen einer kosmischen Lunge und schließlich meldet sich die Urmutter dieses Kosmos, welcher „Dead Magic“ ist, noch einmal in „Källans återuppståndelse“ zu Wort, wiegt den symbolisch, durch den vollzogenen Übergangsritus von „Dead Magic“ abgestreiften Körper, diesen Leichnam des Zuhörers mit diesem traumwandlerisch gesungenen Lied ein letztes Mal und entlässt ihn dann fast schon abrupt in die absolute Stille, aus der er nun selbst wieder erwachen und mit dieser Erfahrung er in das Chaos der Welt treten muss.

03/03/2018 Dresden – Beatpol
04/03/2018 Berlin – Festsaal Kreuzberg
05/03/2018 Hamburg – Kampnagel
07/03/2018 Köln – Gebäude 9

VÖ: 03. März 2018 via City Slang