Von Oliver Schröder, 27. März 2020

Am Anfang steht immer der Pop: Schon vorab konnte man dem knorrigen Trompeter aus Israel im zugehörigen Video dabei zusehen, wie er sich Massive Attacks „Teardrop“ behutsam aber mit Nachdruck zu eigen macht. Derartige Unterfangen sind in der Regel Teil einer Vermarktungsstrategie; Türöffner, um potenzielle Hörer zu erreichen, die sonst mit dem oft fremdartigen Vokabular der Jazzszene fremdeln. Das trifft hier zwar genauso zu, aber es steht trotzdem alles an der richtigen Stelle. Fremdkörpergefühle kommen trotz aller musikhistorischen Varianz zu keiner Zeit auf. Auch nicht wenn Beethovens „Mondscheinsonate“, groovender Instrumentalrock, Ghandis berühmtes Zitat von der Lebenskraft und Spuren von Miles Davis‘ „Bitches Brew“ aufeinander folgen. Und eben die erfolgreichste Single der genannten britischen Trip-Hop-Band aus Bristol.

Es fällt momentan schwer, die Wahl des Coversongs nicht als musikgewordenen Kommentar zur aktuellen Lage der Welt zu interpretieren. Als Aufruf zur Furchtlosigkeit in ungewissen Zeiten, in denen wir im Dunkeln umhertappen. Cohen steht oben am Fenster, beobachtet die leeren Straßen und bläst seinen Trost in den Nachthimmel hinein. Er übersetzt Elizabeth Frasers Gesang dabei in sanftmütige Trompetenstöße und macht sich zusammen mit seinen Mitstreitern auf den Weg in die Tiefe, um die Seele des Songs zu aufzuspüren und zu verändern. Im Mittelpunkt angekommen fusionieren die Stile und werden zu etwas anderem. Nach über sieben Minuten läuft das Stück als psychedelischer Jazzrock über die Ziellinie, ohne dass eine Bruchstelle erkennbar gewesen wäre.

Avishai Cohens Beschreibung der musikalischen Sozialisation seiner Bandmitglieder lässt in Sachen Ausrichtung kaum Fragen offen: „Wir kommen alle vom Jazz, aber einige von uns haben ihn früher verlassen.“ Es ist also vieles möglich und genau dieses Gefühl von stilistischer Freiheit durchzieht das Album von vorne bis hinten. Trotz aller analytischer Planungsarbeit, steckt in „Big Vicious“ immer noch die improvisierte Kraft der Momentaufnahme. Am Ende steht immer der Jazz.

VÖ: 27. März 2020 via ECM Records