Björk – Utopia
© Santiago Felipe

Björk Utopia

Ob letzter Ausweg oder Vögeln ums Eck, Tinder ist die App für paarungswillige Großstädter. Dass ausgerechnet Björk ihre neue Platte „Utopia“ als „Tinder-Album” bezeichnete, erstaunte dann aber doch. War sie mit dem schmerzhaft-intimen Trennungsalbum „Vulnicura” nicht gerade erst in die Hölle hinabgestiegen und mit einer betäubenden Traurigkeit am Ende aller Illusionen angelangt? Schnee von gestern. Auf „Utopia” ist Björk Guðmundsdóttir besser drauf denn je. Der Grund, dass sie so der Hafer sticht, ist die regenerative Kraft der Liebe: „My healed chest wound / Transformed into a gate / Where I receive love from”, singt Björk im Song „The Gate” und spielt damit auf das Cover von „Vulnicura” an, das eine klaffende Wunde zierte. Nach wundersamer Wandlung ist diese jetzt ein Tor in eine bessere Welt voller Liebe. Hach. Und wer jetzt noch einen weiteren Beweis für die kribbelnde Körperlichkeit auf „Utopia” braucht, schaut sich die Gesichtsvulva auf dem Cover an.

Was sich nach einem Fest für gefühlsduselige Kalenderspruch-Yogis anhört, ist jedoch nur bedingt für ein geselliges Beinandersein geeignet. Denn musikalisch bleibt Björk ihrem Avantgarde-Pop mit Hang zur Überforderung treu. Zu dessen ambivalenter Eigenart gehört es, unglaublich nah zu gehen und unglaublich auf die Nerven. Auf „Utopia” treibt das Inselgeschöpf ihre Klangforschung in den Grenzräumen von Electronica, Kinderlied, Hip-Hop und Vogelgezwitscher wieder konsequent voran. Unterstützt wird Björk vom venezolanischen Produzenten Arca, der mit seinen verspult-metallischen Beats die Arrangements wahlweise zersägt oder umschmeichelt. Organische Wärme gepaart mit elektronischer Experimentierfreudigkeit findet man zwar durchweg im Schaffen der Isländerin. Die neue Zuversicht bringt jedoch neue Sounds ins Repertoire: Ein zwölfköpfiges Flötenensemble verleiht dem Album märchenhafte Momente und sorgt in Songs wie „Losss“ und „Courtship” für die Extraportion Insel-Kitsch.

„Utopia” ist Björk mit Schmetterlingen im Bauch. Wer die esoterische Reizüberflutung übersteht, den erwartet ein Glückskeks von einem Album, das an die Kreativkraft von Meisterwerken wie „Homogenic“ anknüpft. Nicht das Schlechteste in Zeiten, in denen die Utopie meist gegen die Dystopie den Kürzeren zieht. Kaufen kann man das Werk übrigens mit Bitcoins. Günstiger als Tinder Plus ist es auch.

VÖ: 24. November 2017 via Embassy Of Music
Web Analytics