Von Tim Brügmann, 23. April 2020

Nostalgie ist Trumpf, das hat der Streaming-Anbieter Spotify während der herrschenden Coronakrise jüngst herausgefunden, als er einen signifikanten Anstieg im Hörerverhalten bei Künstlern wie a-ha bis Cyndi Lauper messen konnte. Doch so weit müssen wir gar nicht zurück, wenn wir dieser Tage gleich drei Platten abwechselnd in der Heavy-Rotation haben: Blackmail, die Band ohne die Rockmusik in Deutschland um einige Bausteine ärmer wäre, und die Anfang des neuen Jahrtausends zu Größerem bestimmt war.

Heute, im Jahre 2020, sind Blackmail so gut wie verschwunden. Die Band, die vor knapp zwanzig Jahren fast im Alleingang die Gitarrenmusik in Deutschland rettete, zerbrach bereits 2008 als man sich von Frontmann Aydo Abay trennte und somit auch die Fans in zwei Lager spaltete. Mathias Reetz stieg als neuer Sänger ein, konnte über weite Strecken auch überzeugen, doch Blackmail sollte der Sprung über den Teich am Ende nie mehr gelingen. Dabei war der Sound, der maßgeblich von den Brüdern Kurt und Carlos Ebelhäuser geschultert wurde, wegweisend. Harte Gitarren mit einem ganz eigenen Timbre, einer Signatur quasi, Indie-Vocals und unsterbliche Songs, die es sogar bis nach Japan schafften. Treibende Musik für die besten Sommer des Lebens, so gut, dass man gar nicht glauben will, dass so etwas mal im Radio lief.

Zurück bleibt der Ärger darüber, dass es Blackmail nicht mehr gibt, aber auch die Freude über die Ankündigung zweier Re-Issues und einer Retrospektive einer der besten Bands dieses Landes. Neu-aufgelegt, remastered und mit diversen Boni bestückt, stehen ab dem 24. April die Fan-Favorites „Friend or Foe?“ und „Bliss, Please“ im neuen Gewand bereit. Mit “Blackmail – 1997 – 2013 (Best Of & Rare Tracks)“ gewährt die Band auch gleich eine längst überfällige Werkschau, die von einer Handvoll der unzähligen B-Seiten der Koblenzer begleitet wird. Ein wunderschönes Artwork gibt der gut kuratierten Sammlung schließlich noch den letzten Schliff.

Und so hangeln wir uns angefangen vom Debütalbum bis hin zum Durchbruch „Science Fiction“ hinzu den großen Hits wie „Same sane“ oder „It could be yours“ ehe wir zur späteren Phase mit den Alben „Aerial View“ und „Tempo, Tempo“ kommen. Der Fokus liegt dabei auf den Songs, die mit Aydo Abay entstanden, aber auch die Spätphase wird mit Mathias Reetz am Mikrofon bedient. Über die Auswahl der „Rare Tracks“ lässt sich streiten, sie passen jedoch allesamt gut zur jeweiligen Phase der Band und regen zum Sammeln der übrigen verlorenen Perlen ein. Aber auch bei „Bliss, Please“ bekommen wir nochmal zwei weitere Songs geschenkt, die die Tracklist auf solide 18 Songs hochpumpt.

Ein satter Klang, bombastische Gitarren und zum Teil epische Arrangements begleitet von der lässigen Stimme Aydo Abays – das waren Blackmail und sind es mit diesem gelungenen Paket immer noch! Ein schöner Trost für das, was einst in diesem Land mit populärer Gitarrenmusik noch möglich schien. Der einzige Haken? Auf eine Tour warten wir wohl weiterhin vergebens.

„Bliss Please“, „Friend or Foe?“ und die „Best of & Rare Tracks“ erscheinen jeweils remastered am 24. April via Unter Schafen Records.

VÖ: 24. April 2020 via Unter Schafen Records