Von Esther Sambale, 28. Februar 2020

Einen Blick ins Familienalbum von Dan Snaith zu werfen, ist eine emotionale Angelegenheit. In radikaler Offenheit widmet sich Snaith auf seiner siebten Caribou-Platte „Suddenly“ den ganz großen Themen. Aus 900 Loops extrahierte er zwölf Songs in denen es etwa um Liebe und ihr Zerbrechen geht und um das Schaudern und die entsetzliche Leere, wenn ein naher Mensch verschwindet. Lebensverändernde Momente, die Snaith – wie in „Home“ oder „You and I“ – in wunderbare Melodien übersetzt hat, die lange nachklingen.

Doch „Suddenly“ bleibt nicht im Autobiographischen verhaftet. Snaith sampelt, singt und tänzelt vielmehr aus den Mikrogefilden der kleinsten sozialen Einheit Familie auf die Metaebene und verknüpft beide Umgebungen gekonnt. In „Sister“, dem ersten Stück auf „Suddenly“, teilt Snaith eine Tonaufnahme aus Kindheitstagen. Zu hören ist die Stimme seiner Mutter, die der kleinen Schwester ein Schlaflied singt. Ein intimer Blick in die Vergangenheit, den Snaith textlich in die Zukunft lenkt. Ihm sei es wichtig, „Teil einer zeitgenössischen Konversation zu sein“, sagt Snaith im Deutschlandfunk-Interview. Er will Musik machen, „die sich in das einmischt, was gerade passiert“. In „Sister“ thematisiert er toxische Männlichkeit und die Notwendigkeit eines Wandel, der alle betrifft: „Brother, you’re the one that must make changes / No one else can do it if you don’t / Surely you’ll have noticed things are changing / I can’t do it all on my own“. Die #metoo-Bewegung habe sein Denken verändert. Der Song „Sister“ sei ein Verbündeter und ein Versprechen aufmerksamer zu sein.

Auf „Suddenly“ illustriert Snaith kleine und große Veränderungen bis in die allerhinterste Songecke. In fast jedem Stück gibt es einen stilistischen Bruch, der überrascht oder kurz stutzen lässt. „Lime“ knistert, knackt und tippelt tapsig von einem Tempo zum nächsten. Snaith singt „Make up your mind / Before it goes away / Don’t waste your time / Don’t let it slip away“, bis ab Minute 2 Wind verschwörerisch braust und ein von Trommeln begleiteter Männerchor erklingt.

Auf dem Boden der Tatsache, das alles im Leben ungewiss ist, legt sich Snaiths Stimme – wie in „Magpie“ oder „Ravi“ – mal schwermütig, mal tröstlich über oder unter die grundsätzlich warmen Klänge und erdet die schwirrenden Samples. Mit „Cloud Song“, der stellenweise an schleppend verspulte Beach House-Klänge erinnert, entlässt uns Snaith in die kalte Welt: „When you’re alone with your memories / I’ll give you a place to rest your head“. Mit dem Kopf in einer bauschigen Caribou-Wolke in der „Suddenly“ flimmert und angenehm leuchtet, lässt sich vieles leichter ertragen.

15.08.2020 Berlin – Zitadelle Spandau
09.11.2020 München – Muffathalle
12.11.2020 Hamburg – Docks
13.11.2020 Köln – Carlswerk Victoria

VÖ: 28. Februar 2020 via City Slang