Von Jan-Frederic Goltz, 20. März 2020

Über den Frühling im Jahr 2020 wird man früher oder später mal sagen: Schwere Zeiten, weltweit. Vieles ist heuer überschattet und niemand weiß zur Zeit für für wie lang. Das Positive, wenn es denn etwas gibt, wenn man denn überhaupt während einer Pandemie über etwas Positives sprechen kann, ist im Idealfall, dass wir alle im selben Boot sitzen und dass wir uns gezwungenermaßen in häuslicher Quarantäne auch mal intensiv mit schönen Dingen ausgiebig und intensiv auseinandersetzen sollten, wie zum Beispiel ein Album von vorne bis hinten komplett auf der heimischen Couch zu rezipieren. Ohne Unterbrechung, ohne mediale Panikmache versteht sich.

In diesen Tagen erscheint eines der melancholischsten Alben, die ich seit langem gehört habe. Das ist Christian Löfflers Album „Lys“, was aus dem dänischen übersetzt so viel bedeutet wie Licht. Zurückgezogen im Heimstudio, weit im Norden Deutschlands, entstanden als Fortsetzung und Kontrast zum 2019 erschienenem Album „Graal“ nun eine Zusammenstellung aus zwölf neuen und alten Tracks, deren Ursprung sich bis ins Jahr 2016 zurückverfolgen lässt.

„Lys“ ist ein Album wie ein gemaltes Bild, vielschichtig und divers, nicht nur durch vielen mitwirkende Künstler. Wie z.B.: Josephine Philip, die uns in „The End“ (ha, wie passend) seidenzart mit ihrer Stimme begleitet, während schwebende Flächen langsam durch minimalistische und leise Beats druchbrechen. Oder Finn, oder Menke – einem jungen schwedischen Sänger und Multi-Instrumentalisten. Und dann ist da natürlich noch Mona Steinwidder, die mittlerweile als fester Bestandteil der löffler’schen Live-Auftritte nicht mehr wegzudenken und zum Glück auch auf diesem Album mit ihrer lieblich fragilen Stimme vertreten ist und einen wichtigen Teil zu Löfflers Stücken beiträgt, nicht zu letzt weil ihre Tonlage genau die passende Frequenz zu den grazilen Klängen perfekt ergänzt.

Auch Löffler selbst hält sich nicht zurück und nutzt vereinzelt seine Stimme um ein weiteres Element in die Produktionen zu streuen. Geschah dies auf den Vorgängern noch eher im Sinne eines Werkzeuges, ist es dieses Mal ein markanteres Stilmittel: Es ist, als würde der Maler plötzlich das Schreiben anfangen, statt seine Bilder zu nutzen, um sich Ausdruck zu verschaffen oder Intention und Stimmung zu vermitteln.

Aus Naturgewalten („Mare“ / „A Forest“) wurde im Verlauf der Zeit nun also Licht und es scheint, als wäre diese Platte wichtiger Eckpfeiler in Löfflers Schaffensphase. Dinge im anderen Licht betrachten, beleuchten oder manifestieren. Künstler müssen nicht den Zwang haben sich von Bild zu Bild, von Album zu Album neu erfinden. Oftmals reicht es aus Prozesse anders zu denken oder umzustrukturieren. Der Abstand oder Ortswechsel ist hier ein verlössliches Mittel. So kann „Lys“ nicht plötzlich eine klassische Feel-Good Deep-House Platte sein, das ist bei Löfflers Handschrift ohnehin klar. Dennoch ist zu betonen, dass die Grundstimmung eine äußerst schwermütige und nachdenkliche ist – doch schwebt hier stets ein Funken Hoffnung mit.

Für Momente, in denen der Alltag in der Ich-Perspektive zur Kamera wird, Musik, die einem wie in einem Film begleitet, wenn man die Scheibe auf der Landstraße bei der Fahrt herunterkurbelt, um den Wind zwischen seinen Fingern zu spüren. In Situationen, in denen man allein bei perfektem Licht durch leere Straßen flaniert, in denen sonst das Leben tobt – Anmerkung: vermutlich wäre die Kamera für diese Szene auf einem Dach montiert, aber das nur nebenbei. „Lys“ scheint eine Platte für das hier und jetzt, für genau diese Zeit und diesem Moment. Vorausgesetzt, man gibt sich dem Ganzen mit einem Fünkchen hoffnungsvoller Emotionalität hin. Doch ich bin mir sicher, am Ende des Tunnels ist Licht.

VÖ: 20. März 2020 via Ki Records