Von Oliver Schröder, 10. Mai 2019

Je schwermütiger der Zeitgeist, desto leichtfüßiger die Musik? Das gilt für Clinic nur bedingt, denn in den sieben Jahren seit „Free Reign“ hat sich zwar vieles zum Schlechteren entwickelt, aber unbeschwert gute Laune können die Liverpudlians immer noch nicht verbreiten. „Es fühlte sich richtig an, eine launige Tanzplatte in diesen dunklen und konservativen Zeiten zu machen“ sagt Ade Blackburn zur Grundstimmung des Albums und man fragt sich, ob er damit wirklich „Wheeltappers And Shunters“ gemeint haben kann.

Wer die Band kennt, weiß, dass man sich beim Hören auch schon mal die Nase an einem Zerrspiegel stoßen oder den Fuß im doppelten Boden klemmen kann. Mit „Flying Fish“ klingt die Band beispielsweise bedrohlicher denn je und so zynisch wie in „Congratulations“ wurde dem Hörer noch nie ein Glückwunsch entgegengezischt – von der fiesen Aufforderung „Join in the circus“ im kurzen, giftigen Zwischenspiel „Tiger“ mal ganz abgesehen. Der leibhaftige Teufel steckt halt im Detail und wenn Clinic eines zuverlässig können, dann ihre Stücke mit kleinen süßen, verstörenden, widerborstigen, anschmiegsamen Kleinteilen vollstopfen, die einen auch nach dem fünften Durchgang beim Kopfnicken ratlos machen.

Alles verrückt wie immer. Und wie immer kommt uns das ein oder andere musikalische Thema bekannt vor, aber so umfunktioniert und manipuliert, dass die Herkunft gerade mal so verschleiert wird. Das hat erstens den Effekt, dass man ständig mit einem „Liegt-mir-auf-der-Zunge“-Gefühl zuhört, das einen zusätzlich um den Verstand bringt. Zweitens schaffen es Clinic trotz allem verdrehte, aber umso wirkungsvollere Instant-Hits zu schreiben. Am Ende steht dann zum Beispiel das umwerfende „Mirage“ – fast schon ein unverschämt cooles Understatement von einem Song.

VÖ: 10. Mai 2019 via Domino Records