Von Bernd Skischally, 21. Februar 2020

Schon verrückt. Vor mir liegt ein Debütalbum, dabei kenne ich die Band im Grunde seit mehr als zehn Jahren. Es gab andere Namen (Leo Hört Rauschen war einer), andere Zeiten, und wer weiß, was wirklich alles passiert ist, aber der Kern dessen, was sich hier als Quartett zusammen findet, der existiert nachweislich schon etwas. Trotzdem Debüt. Neuanfang. Vielleicht braucht es ein gewisses Alter, um die Musik, die hier stattfinden soll, stattfinden zu lassen. Um zu verdichten. Und Zeile um Zeile, Song für Song, schleicht sich die Gewissheit an, dass dieses Album wirklich explizit keine verhohlene Fortsetzung ist, sondern der Anfang.

Musikalisch ist mir dennoch vieles vertraut: Da ist dieses zwingende, niemals beiläufige Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gerüst von Uwe Hauptvogel, Benjamin Rottluff und Marius Jurtz, das immer etwas härter und schneidender gespielt ist, als so vieles, was – zumindest intellektuell – auf den Spuren der alten Hamburger Schule wandert. Manche erkennen darin den neuen Postpunk. Und da ist: Maik Wiedens Stimme. Jener Typ, der mich vor zehn Jahren schon staunend glotzend an Bühnenrändern stehen lassen hat, weil er, wie es nur wenigen Frontmännern gelingt, Schalk, Ernst und Eleganz in einer ihm eigenen Ästhetik vereint und der sprechend mehr Melodien singt als mir Noten einfallen. Meine Güte, bin ich froh, dass diese Bande aus Dresden sich nicht beirren lassen hat und nun hier steht. Das gibt Halt. Denn: Es ist so viel passiert.

Die Arbeit. Lange habe ich die Musiker nicht gesprochen, aber der neue Name und die neuen Texte lassen jetzt gar nicht so viele Fragen offen. Da sind sich ein paar junge Männer, so scheint es, sehr bewusst, wo sie her kommen und was sie machen. Und wo sie – mit gesteigertem Mitteilungsbedürfnis – bleiben wollen. „Schafft die Toten raus! Schafft eure Leichen raus!“, raunt Wieden im dritten Song der Platte, und: „Es bleibt die Konstruktion, auf der wir friedlich wohnen. Aus dem selben Holz geschnitzt“. Wer schon mal den Unterschied, zwischen Dresden-Neustadt und Berlin-Kreuzberg oder, hust, München-Schwabing erspürt hat, der ahnt, woher der Wind hier wehen könnte. Wobei auch etwas ganz anderes gemeint sein könnte. Just a feeling.

Wann immer die Band die Geschwindigkeit heraus nimmt, wie im besagten „Leichen“ oder in „Keine Zeit für Ironie“, behält sie doch ihre durchdringende, dystopisch anmutende Bedrohlichkeit. Selbst harmlose Sprachbilder von Wieden klingen wie Parolen, die gleichzeitig warnen und Mut machen wollen. „Ich trage meine Schuhe, obwohl ich geschlafen habe. Ich fühle mich wie eine Biene in einer alten Wabe. Ist es Sonne oder Mond? Ich bin die Zeiten nicht gewohnt.“ Da hört man weniger Tresen als bei Sven Regener, weniger Bibliothek als bei Hendrik Otembra, weniger Prater als bei Franz Adrian Wenzl, und erkennt sie doch allesamt, die Brüder im Geiste.

Die Schwere, die Die Arbeit förmlich herauf beschwören, sie soll schon auch anstrengen – im verkopft aggressiven „Im Büro“ am ehesten, doch bevor man sich erschlagen fühlt, zieht die Band die Arbeitszeitnachweiskarte an der Stechuhr durch. Feierabend. Oder fristlose Kündigung, man weiß es nicht und nimmt es einfach hin. Schließlich gibt es nach der Maloche – na was? – ein Tänzchen, versteht sich. Das wissen die manierlichen Dresdner nur zu gut und beenden ihr so genanntes Debüt dann auch folgerichtig mit dem Stück „Lonely Dance“. Beschwörend der Basslauf, beschwörend der repetitive Refrain: „Trag das Leder bis es reißt! Trag das Leder bis es reißt!“ Man schließt die Augen, dreht sich sanft um die eigene Achse, die flirrenden Lichter der Diskokugel streifen das Gesicht. Dann kullern die Tränen. Vor Sehnsucht. „Nie wieder Leistung. Nie wieder Leistung. Nie wieder Leistung.“ So endet das „Material“.

15.10.2020 Frankfurt – The Cave
16.10.2020 Schorndorf – Club Manufaktur
17.10.2020 Chemnitz – Aaltra
03.11.2020 Hannover – Café Glocksee
04.11.2020 Hildesheim – VEB
06.11.2020 Berlin – Kantine am Berghain
07.11.2020 Hamburg – Hafenklang
11.11.2020 (AT) Wien – Rhiz
12.11.2020 (AT) Graz – Music House
13.11.2020 (AT) Linz – Stadtwerkstatt

VÖ: 21. Februar 2020 via Undressed Records