Von Oliver Schröder, 08. Februar 2019

Nr.13, gleiches Ambiente – alles ist Pose, Strategie, Manipulation. Verfolgt man den Weg der Band um Ted Gaier und Schorsch Kamerun durch die Zeitgeschichte, war das ja schon immer irgendwie so. 35 Jahre nach der Gründung scheint es aber nicht mehr um das Sichtbarmachen, Analysieren und Infragestellen von Machthabern und deren Gefolge zu gehen, sondern um die bittere Erkenntnis, dass wir unaufhaltsam in einen Abgrund rutschen, den wir bei vollem Bewusstsein und mit irrer Leidenschaft selbst ausgehoben haben. Wenn man also dieser Tage aus dem digitalen Fenster schaut, bleibt also noch eine letzte Frage, die man fast nicht zu stellen wagt: Wurden die wegbereitenden Goldenen Zitronen mittlerweile eigentlich in Sachen Radikalität und Tabubruch von der Wirklichkeit überholt?

Die krassen Streitphrasen werden wie Flipperkugeln aus dem Nichts eingeworfen und prallen empört von jeder möglichen Bande in alle Gegenrichtungen ab: „What!?“, „Who!?“, „Why!?“ Rauszufinden, wer ursprünglich mal die Münze in den Schlitz geworfen hat, ist nicht nur nicht mehr möglich, sondern scheint auch keinen mehr ernsthaft zu interessieren. Vielleicht war man es selbst.

Im Video zur aktuellen Single „Nützliche Katastrophen“ geht es um das Ausüben von Macht in seiner fadenscheinigsten, aber wohl wirksamsten Form. Das Einstudieren despotischer Posen, das absurde Inszenieren von Wirklichkeiten, das Erfinden von Fakten reicht offenbar aus, um der mächtigste Mann der Welt zu werden und auch erst einmal zu bleiben. Dass genau solche Figuren überall an die Oberfläche geschwemmt werden, ist ein Umstand, den wir allerdings nicht allein „denen da oben“ zu verdanken haben. „Ich sehe Unsicherheit vor deiner Tür, ich bin stark und helfe dir“ heißt es im Song, der sich musikalisch wohlgefällig am erfolgreichen Kölner Krautpop der frühen Siebziger Jahre abarbeitet. In Statement und Sound kann man sich mit Sicherheit fallen lassen, wie in ein prall gefülltes Luftkissen. „Cunts are still running the world“ lautete Jarvis Cockers bittere Erkenntnis im Jahr 2006. Da hieß der amerikanische Präsident noch George W. Bush, der britische Premierminister Blair und die Kanzlerin schon Angela Merkel. Und die Lage schien damals schon viel verworrener als in der guten alten BRD. 13 Jahre später heißt es dann ernsthaft zur Lage der Nation, dass „Mauern funktionieren, und Mauern Leben retten“.

Die eingangs gestellte Frage muss also eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden. Mit „Mauern Bauen (Testweise)“ kontern die Zitronen aber souverän und beweisen, dass sie trotz allem ein bis zwei Schritte vorausdenken. Die Mauern können ruhig gebaut werden – direkt um diejenigen, die sie aus Sorge vor dem Identitätsverlust am dringendsten fordern.

26.09.2019 (AT) Linz – STWST
27.09.2019 Ingolstadt – Kulturzentrum Neun
28.09.2019 Nürnberg – Desi
02.10.2019 Karlsruhe – P8
03.10.2019 Freiburg – Cafe Atlantik
04.10.2019 (CH) Bern – Dachstock
05.10.2019 Darmstadt – 806qm

VÖ: 08. Februar 2019 via Buback