Von Nico Beinke, 13. Mai 2020

Wieviel Fusion verträgt ein zeitgemäßes Jazz-Album, wenn es, Abseits eines eher elitären Kreises von Eingeweihten, Gehör finden möchte? Vor allem sollte es ja auch nicht gleich nach Lounge (oder noch schlimmer nach Fahrstuhl) klingen. Nicht zu intellektuell, gleichzeitig aber nicht beliebig; einfach ein ganz schmaler Grat, den es zu begehen gilt.

Was da einst 1969/70 fusionierte und unter dem merkwürdigen Namen Jazzrock in die Geschichte einging, klang eigentlich kaum nach Rock und ebenso nicht mehr nur nach Jazz. So konfus die Musik, so vage das Genre. Zeit sich den Kopf zu zerbrechen, oder besser gesagt, zerbrechen zu lassen. Während Till Brönner immer mehr zum Walter „Teufelszunge“ Scholz des Jazz wird und Virtuosität über Kreativität stellt, darf sich Laura Jurd viel mehr den großen Trompetenvirtuosen wie Nils Petter Molvær zugehörig fühlen. Dem Nils Petter Molvær, der während seines Debüts „Khmer“ von 1997 schrille Trompetenklänge auf elektronische Beats treffen ließ.

Nicht ohne die bereits erwähnten gelegentlichen Jazzrock-Anleihen zu vergessen, die an Miles Davis‘ ersten Fusion-Meilenstein „In a Silent Way“ erinnern (vor allem das E-Piano, welches u.a. von Herbie Hancock gespielt wurde), welche ebenso das Gesamtbild während „To The Earth“ bestimmen wie der gute, alte Bebop, der gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Cool Jazz für die überwiegend akustischen Parts der Songs verantwortlich ist. Die ebenfalls durch Miles Davis bereits repräsentierte Hochzeit des Bebop führt uns – nicht zuletzt durch dessen gemeinsame Zeit mit Charlie „Bird“ Parker – sogar bis in die Mitte der 1940er-Jahre zurück. Dies kann wiederum nur der Jazz: Elemente der 40er mit der Elektronik der Neuzeit verbinden, ohne dass es negativ bzw überhaupt auffällt.

Im besten Fall wird niemand darüber nachdenken, wie es zustande gekommen ist, dieses wunderbare, dritte Album von Dinosaur, dem britischem Quartett um Laura Jurd, dessen Vorgänger-Album („Together As One“) 2017 für einen Mercury Prize nominiert wurde. Aber dies nur am Rande, denn die sieben Tracks auf „To The Earth“ sind eindrucksvoll genug – und die Preise werden sicher folgen.

VÖ: 15. Mai 2020 via Edition Records