Von Tim Brügmann, 15. Mai 2020

Berliner Märchenstunde. Bereits seit vier Dekaden treiben die fünf Schraubenmänner der Einstürzenden Neubauten bereits ihr Unwesen, reiten vor, schauen zurück, sind stets die ersten und doch im Jetzt verankert. Satte zwölf Jahre seit ihrem letzten regulären Studio-Album haben die Berliner ein neues Monument errichtet. Stets gewillt auch dieses wieder unter Scheppern, Rascheln, Kreischen und Poesie zum Einsturz zu bringen: „Alles in Allem“ sein Name.

Erdacht als Frontalangriff auf die vom Mainstream abgestumpften Hörgewohnheiten, in einer spontanen Aktion benannt, weil noch am selbigen Tage der erste Auftritt wartete, sind die Einstürzenden Neubauten rund um den exzentrischen Blixa Bargeld längst zum Phänomen, ja schon zum Kult geworden. Ihr Instrumentarium zählt dabei seit den stürmenden Achtzigern, den treibenden 90ern und dem nun etwas gesetzteren neuen Jahrtausend unzählige Einzelteile verschiedenster Größe. Auch auf „Alles in Allem“ ist das Quintett wieder auf der Suche nach dem ultimativen Geräusch, wenn auch nicht mehr so radikal wie zu Jugendzeiten. Auf unserer Reise durch Berlin entdecken wir zehn Märchen aus den Büchern und Hirnwindungen Bargelds. Die ungreifbare Komponente Berlins ist per accident zum Thema geworden, dennoch ist es kein „Berlin-Album“, wenn sogar Reisekoffer und Nudeln für Klangerlebnisse sorgen.

Der zur Avantgarde erwachsene Meilenstein der Industrial-Szene legt seinen Blick auf die vielen Feinheiten der Stadt und dessen Geschichte. Wir gehen auf Spaziergänge, schauen in den Himmel und kommen schließlich in Tempelhof abhanden. Die Lyrik Bargelds wie immer frei zur Interpretation. Freies Assoziieren ist ohnehin das Stichwort. Dabei ist es vor allem der Entstehungsprozess von „Alles in Allem“, der einem Staunen abringt. Die Neubauten sind nicht nur unorthodoxe Vorreiter von praktisch allem, sondern auch Crowdfunder der ersten Stunde. Ihr Anfang der 00er Jahre gestartete Supporter-Projekt hat neben unzähligen Alben und Raritäten auch dieses elfte, zwölfte Album aus dem Studio hinaus nach Wedding gejagt. So konnten die Supporter etwa Liedzeilen beisteuern, der Band in diversen Sessions direkt beim Errichten einzelner Stücke zusehen und auf neubauten.org diskutieren und sich austauschen, tatsächlich am Album mitwirken. Ein solch immersives Band-Fan-Gefüge dürfte man sonst wohl kaum finden und hätte man einer Band wie den Einstürzenden Neubauten auf den ersten Blick nicht zugetraut.

Alles in allem ist „Alles in Allem“ jedoch weit weg vom einstigen Aufbegehren gegen jegliche Konvention. So wie es mittlerweile versicherungstechnisch nicht mehr möglich ist, auf dem Schrottplatz nach neuen Instrumenten zu suchen, so gesetzt präsentieren sich die Einstürzenden Neubauten auch auf diesem Album. Mal opulent, mal mucksmäuschenstill flüstert und golumnt sich Blixa Bargeld durch zehn (Fieber-)Träume, gekonnt und stilsicher. Nicht mehr, nicht weniger und doch wohnt dem Album ein unwiderstehlicher Zauber inne, den selbst das xte Neubauten-Tattoo im erweiterten Instagram-Feed nicht einzureißen vermag.

Die große „Year of the Rat“-Tour ist angesichts der Weltlage in prekärer Lage, wer sich bis zu den Live-Dates die Zeit jedoch zusätzlich versüßen will, der baut seine EN-Sammlung ein Stück weiter aus und greift zur Deluxe Box. Wintergartengleich lässt die samt Buch, DVD und sieben weiteren Tracks noch etwas mehr Licht in die Stube der Herrschaften Bargeld, Hacke, Arbeit, Unruh und Moser. Einstürzende Neubauten – auch heute noch ein Genre für sich.

06.10.2020 Hamburg – Elbphilharmonie
15.05.2021 (AT) Wien – Arena
16.05.2021 Ludwigsburg – MHP Arena
27.05.2021 Wiesbaden – Schlachthof
28.05.2021 (CH) Zürich (CH) – Rote Fabrik
29.05.2021 (CH) Lausanne – Les Docks
01.06.2021 Köln – E-Werk
07.10.2021 München – Muffathalle
21.11.2021 Berlin – Konzerthaus

VÖ: 15. Mai 2020 via Potomak