Von Tim Brügmann, 30. Oktober 2020

Wenn zwei eine Reise tun. Nicht selten kommt es vor, dass sich der Prozess eines Albums zieht wie Kaugummi. Besonders dann wenn es möglichst demokratisch zugehen soll, werden Meinungen und Herangehensweisen öfter umgedreht als manch Cent in der immer noch anhaltenden Pandemie. Besonders fruchtbar ist eine gemeinsame Arbeit aber dann, wenn sich zwei auf den ersten Blick extrem verschiedene Künstler auf Anhieb verstehen und es einfach passiert. Manche nennen es Momentum, andere Flow, manche aber einfach nur Chemie oder gar Magie!

So geschehen bei den renommierten Sludge-Veteranen von Thou und der Queen of Dark Americana Emma Ruth Rundle. Aus gegenseitigem Fan-Dasein wurde schnell eine gemeinsame Vision und so war es wenig verwunderlich, dass ihr gemeinsames Set im Zuge des der letzten Ausgabe des Roadburn Festivals nur ein Teilerfolg des großen Siegeszugs werden sollte, den beide KünstlerInnen nun in ein Album verwandelt haben. „May Our Chambers Be Full“ heißt diese Elefantenhochzeit, der nur wenige Worte gerecht werden. Eine alles vernichtende Magie kommt dem jedoch schon recht nahe.

Ganze achtzehn Monate nachdem der Großteil dieses beachtlichen Albums uraufgeführt wurde, kann man diese sieben Tracks umfassende Walze aus hypnotisierender Härte und brunnentiefer Introspektive nun in den Händen halten. Das Experiment ist über weite Strecken geglückt und so geht der nackenzerberstende Slude-Ansatz von Thou nahtlos in die spherischen Klangwelten der Ausnahmekünstlerin Emma Ruth Rundle über. Während uns Thou auf „Monolith“ noch mehr oder weniger im Alleingang ihren rebellischen Anarchismus entgegenschleudern und ERR auf „The Valley“ die Tore zur schönsten Wüste aus Melancholie aufstößt, funktioniert diese eigenwillige Ehe auf den übrigen Tracks hervorragend im Einklang.

Einklang ist dabei jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn auch wenn „May Our Chambers Be Full“ die Spektren aus Schwere und getragenem Wahnsinn nahezu bis zur Perfektion ausloten, weiß man nie so ganz wer nun wessen Gast ist. Definitiv ein Pluspunkt, die Symbiose scheint geglückt, die Lead-Single „Ancestral Recall“ fühlt sich bei genauerem Hinhören jedoch hier und da an wie zwei Tracks, die lediglich parallel laufen. Zwar harmonieren sie wunderbar miteinander, der Mashup-Charakter ist nicht ganz aus dem Ohr zu spülen. Wer das nicht bemerkt, der freut sich über ein grandioses Duett, wer sich jedoch etwas mehr Eigenständigkeit der jeweiligen Band bzw. Künstlerin gewünscht hat, wird sich nicht zu 100% auf diese Melange einlassen können.

Schnell wird jedoch klar, vor allem all denen die Emma Ruth Rundle schon eine Weile über ihre beachtliche Solokarriere hinweg kennenlernen durften, dass beide Parteien nicht nur eine Überschneidung in ihrer Plattensammlung festgestellt haben. Der Mix aus Post-Rock und Folk, für den Emma Ruth Rundle zurecht in aller Munde ist, schafft es den doomigen Sludge des chaotischen Quartetts Thou perfekt auszutarieren. Ein bisschen Grunge, ein bisschen Alternative Nation, beide Künstler haben ihre musikalische Sozialisierung definitiv in den 90ern gefunden. Vielmehr noch, sie haben aus ihr ein reißendes Fundament geschaffen, jeder für sich allein, aber auch zusammen. Am Ende dieses Fiebertraums steht das Statement der KünstlerIn für sich selbst: „Melodic, melancholic, heavy, visceral.“

„May Our Chambers Be Full“ ist zweifelsohne eine Tour de Force, doch selten hat einen ein so unwirklich erscheinendes Release wie dieses hier derart mitgerissen. Und wer nach einem solchen Ritt immer noch Zweifel an dieser Konstellation hat, dem sei der sympathisch rotzige Live-Ausschnitt vom Roadburn Festival 2019 ans Herz gelegt, bei dem Thou und Emma Ruth Rundle einen prall gefüllten Skatepark mit alten Misfits-Klassikern auf wenige Millimeter zurechtstutzen.

VÖ: 30. Oktober 2020 via Sacred Bones Records