Father John Misty – God’s Favorite Customer
© Emma Tillman

Father John Misty God’s Favorite Customer

Mr. Tillman, good to see you again. Und dann auch noch so früh? Wahrlich, es ist kein Jahr her, da hat uns Father John Misty aka Joshua Tillmann mit „Pure Comedy“ den ultimativen Soundtrack zur politischen Apokalypse geliefert und Amerika den Spiegel vorgehalten. Pünktlich zur unrühmlichen Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten präsentierte der dürre Zausel aus Kalifornien eine schwer melancholische Zeitgeist-Abrechnung in Überlänge, die die Magengrube nicht hätte tiefer treffen können. Und seine Kunstfigur endgültig zum Star wider Willen machte.

Nun steht mit „God’s Favorite Customer“ das nunmehr vierte Studioalbum des ehemaligen Fleet-Foxes-Schlagzeuger in den Regalen und setzt zumindest einen Trend, den er auf „Pure Comedy“ etabliert hat fort: das Tempo. Ging es auf den ersten beiden Langspielern des zynischen Vollblutkünstlers hier und da noch recht schmissig mit Country-Anleihen und kurzen Indie-Gewittern zu, klopft Tillman nun eher getragen an der Tür. So entführt uns sogleich der Opener „Hangout At The Gallows“ zurück zum Schafott, welches Misty auch heuer wieder für unsere verkorkste Gesellschaft schön sauber hält. Die Klinge ist gespitzt und auf 10 Tracks erwarten uns erstklassiges Songwriting und angenehme Arrangements aus dem Düstertal mit Zuckerwatte oben drauf. Die Streicher und Bläser harmonieren auch dieses Mal wieder vortrefflich und geben der glasklaren Stimme des Väterchens sowie seinen bittersüßen Elegien genug Raum. Ein bisschen Sonntagmorgen-Soul, ein wenig Abendrot-Blues und fertig ist der in Klang gegossene Untergang.

Doch Father John Misty richtet auf Album Nummer vier nicht nur den Zeige- und ausgestreckten Mittelfinger gegen uns da draußen, nein, auch sich selbst nimmt der aus Maryland stammende Joshua in den Schwitzkasten aus Frustration, Depression, Zynismus und diesem doch immer durchscheinenden wahnsinnigen Lächeln. Textlich also nicht minder nihilistisch, wie auf „Pure Comedy“, dafür musikalisch etwas bunter, erzählt er weiterhin vom großen Unglück, das wir uns stets selbst zu verdanken haben und schlussfolgert am Ende seiner 40-minütigen Reise vortrefflich: „We’re Only People (And There’s Not Much Anyone Can Do About That)“.

Zwar glänzt das neue Werk Mistys erneut mit dessen Qualitäten und vor allem dem genialen Songwriting, doch richtige Hits sucht man neben der vorab veröffentlichten Single „Mr. Tillmann“ vergeblich. Auf der anderen Seite erwartet uns wieder einmal ein auf Platte gebannter American Nightmare vom Hollywood Forever Cemetery bis hin zum Liquor Locker, brandschatzend den Sunset Bouelvard hinunter. In Joshua Tillmans Song-Welt steht das Chateau Marmont in Flammen, doch nicht nur ihm reißt er auf diesem Album wieder einmal die Fassade ein. Auf seinem bis dato persönlichstem Output steht jemand ganz besonderes ebenfalls in der Schusslinie: Father John Misty selbst.

06.11.2018 Darmstadt – Centralstation
07.11.2018 Berlin – Huxley’s
09.11.2018 Weissenhäuser Strand – Rolling Stone Weekender
15.11.2018 (AT) Wien – Arena
16.11.2018 Rust – Rolling Stone Park

VÖ: 01. Juni 2018 via Bella Union
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