Von Stefan Killer, 11. März 2019

Dass aus Frustration, Angst und Gefahr etwas Schönes werden kann, beweist Foals mit ihrem neuen Album. Die Band, deren Bassist sich kurz nach ihrem 2017er Reading-Festivalauftritt von der Originalbesetzung verabschiedet hatte, schuf „Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1“ konsequent als Quartett. Wobei: nicht ganz. Für den ersten Teil ihres dystopisch geprägten nächsten Feierkapitels stimmen die vier Gründungsmitglieder mit einem halben Dutzend an Zusatzinstrumental und -gesang ein.

So wundert nicht, dass auf „Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1“ beinahe jeder Song eine erweiterte Identität aufweist. Allen voran der unersättlich tief schürfende Wurm namens „Exits“. Er wühlt sich poppig schmeichelnd ins Ohr, während Sänger Yannis Philippakis im Angesicht verrückt gewordener Machthaber die schöne neue Welt als „upside down“ besingt. Krasser Kontrast zum einleitend sphärischen Halbsong „Moonlight“. Mit dem folgenden „White Onions“ treibt Foals rifflastig Chor und Indierock ins Delirium. Dave Gahan hätte das anschließende „In Degrees“ und dessen Synths nicht schöner in den Zerfall der Sowjetunion singen können. Und „Syrups“ trumpft mit groovendem Beat und späterem Ausbruch auf.

Fenster und Spiegel zugleich
Bevor sich die Band ins gediegenere letzte Drittel der Platte spielt, beschert sie der Hörerschaft noch mal ein paar poppig tanzbare – und doch anspruchsvolle – Momente. Beat, Riff und Melodie aus „On the Luna“ hätten aus Michael Jacksons Feder stammen können, wenngleich Foals sie wohl gewollt loser im Griff hat.

Um „Cafe D’Athens“ als Song zu greifen, ist nichts weiter zu tun, als im Viervierteltakt zu klatschen und lautstark einige Wortvariationen mit „coming“ mitzusingen. Es wirkt wie eine Art Minimal-Untergrundhymne verkaterter Post-Europäer, die sich von der Idee mehr erhoff(t)en als ein temporäres Sammelsurium an nationalen Identitäten. Und genau das ist ein gutes Beispiel dessen, was die – von Brexit und Abgang geplagte – Band aus Oxford mit „Everything Not Saved Will Be Lost“ laut eigener Aussage erreichen will: den Menschen Fenster und Spiegel zugleich sein.

Durch Stile und Jahrzehnte
Das schwerfällige und -mütige „Sunday“ macht das kurz vor Schluss noch mal klar: Yannis Philippakis besingt darin im Namen freiheitsliebender Vögel ambivalent „the end of the world“. Der Song könnte als Rausschmeißer-Ballade des Albums durchgehen, wäre da nicht deren eigener Binnen-Snyth-Offbeat-Remix, der die Brücke zum ungewöhnlich emotionalen Finale schlägt. Die gesellschaftskritischen und reflektierten Anklänge in „Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1“ stehen Foals gut.

Mal tanzbar, mal anspruchsvoll spielt sich die verkleinerte Band versierter denn je durch Stile und Jahrzehnte. Fünf weniger eins ergibt eben nicht immer vier, sondern manchmal auch viel mehr als zuvor. Die Messlatte für das nächste Album, also „Everything Not Saved Will Be Lost – Part 2“, im Herbst 2019 hängt bei Foals so hoch wie noch bei keinem Nachfolgealbum.

20.05.19 Berlin – Huxley’s Neue Welt
05.06.19 Hamburg – Große Freiheit 36
07.-09.06.2019 Rock am Ring & Rock im Park

VÖ: 08. März 2019 via Warner Music Group