Von Nico Beinke, 05. Mai 2020

Auch in der scheinbar simpelsten Textart steckt noch eine Chance sich zu offenbaren, etwas von sich dem Rezipienten anzuvertrauen. Weit mehr als eine Wiederholung gängiger literarischer Konventionen, ist das Schreiben an sich schon eine Chance Persönlichkeit zu entwickeln. Keine stupide Fingerübung, die sich perfektionieren lässt, um sie wiederholen zu können. Zwar ist Perfektion hilfreich – Sicherheit fördert das Selbstvertrauen des Schreibers – aber sie ist vor allem auch ein Hindernis und oft schlichtweg langweilig. Es ist vor allem ein Kampf, und die Befriedigung, seinem Rezensenten-Alter Ego einen halbwegs geistreichen Text abgerungen zu haben, beinahe berauschend.

Ghostpoets Art des Textens scheint mir das literarische Äquivalent zu einer stundenlangen, schmerzvollen Geburt zu sein und nur die unbeirrbare, stoische Art des Vortrags macht die zu transportierenden Gefühle erträglich. Aber ganz sicher macht der distanziert wirkende Sprechgesang sie nicht weniger intensiv, vielmehr scheint es ein Kunstgriff zu sein, ein Entfernen des literarischen Ichs vom Verfasser, vielleicht sogar noch viel mehr ein Schutzmechanismus, der Obaro Ejimiwe vor Schaden bewahrt und ihn ein stückweit gesunden lässt, an der emotionalen Zerrissenheit seines Protagonisten Ghostpoet.

Während „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ verkündet Ejimiweu, begleitet von düsteren Instrumental-„Gemälden“, bestehend aus markanten Bassläufen und hypnotischen Drums, im stringenten Narrativ, düstere Szenarien, die trotz der Reduktion ans Herz gehen. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zu Gil Scott-Heron‘s letztem Album „I‘m New Here“ von 2010, dem wahrscheinlich imposantesten Spoken Word-Zeugnis menschlicher Abgründe. Im Gegensatz zu Scott Heron, dessen Stimme an knarrende Holzdielen erinnert und sein Vortrag zwischen Verbitterung und nahezu kindlicher Angst changiert, bleibt Ghostpoet scheinbar gelassen – wenn es in ihm brodelt, dann innerlich.

In Anbetracht dessen, dass es sich hierbei um Album Nr. 5 handelt, muss die Frage erlaubt sein, wie lange die (nennen wir es) Gradlinigkeit des Songwritings noch regen Anklang beim potentiellen Käufer finden wird. Wahrscheinlich zumindest solange, wie eine gewisse Qualität gehalten werden kann. Aber es ist schon so, dass man besser bereits Ghostpoet-Fan ist, um auch das fünfte Album noch so feiern zu können, wie bspw. das Debüt.

Ich muss mich vielleicht an dieser Stelle entschuldigen sollte der Eindruck entstanden sein, ich wolle das Anfertigen einer Rezension, mit der tief empfundenen Lyrik Obaro Ejimiwes vergleichen. So ist eine Rezension sicherlich nicht viel mehr als eine Gebrauchsanweisung und der Fakt, dass sich meine Texte – im besten Fall – nicht so lesen, nur der bescheidene Versuch es spannend zu halten. Ein ganz klein bisschen Persönlichkeit steckt in jedem Text, denn ohne sie erscheint es beinahe sinnlos überhaupt zu lesen. Denn die Neugier soll immer im Vordergrund stehen, beim Schreiben, wie beim Lesen. Selbstredend ist dieser Grundsatz ebenfalls auf die Musik anwendbar, denn am Ende des Tages geht es immer darum sich durch sie lebendig, als Teil von etwas Größerem zu fühlen.

18.09.2020 Hamburg – Reeperbahn Festival (abgesagt)
23.10.2020 Berlin – Columbia Theater (abgesagt)
29.10.2020 München – Strom (abgesagt)
30.10.2020 (CH) Bern – Sommercasino (abgesagt)

VÖ: 01. Mai 2020 via PIAS