Grizzly Bear – Painted Ruins
© Tom Hines

Grizzly Bear Painted Ruins

Überraschungen sind immer noch am schönsten, wenn man sich selbst auf den Leim geht. Der Zwanzigeuroschein, den man unverhofft aus der Waschmaschine angelt, oder das übrig gebliebene Stück Pizza am Morgen nach einer durchzechten Nacht. Ähnlich dürften sich Grizzly Bear jetzt darüber freuen, dass ihr neues Werk „Painted Ruins“ in den Regalen steht.

Fünf Jahre ist es her, dass die US-Band mit „Shields“ die Hipsterherzen von Portland bis Neukölln eroberte. Brooklyn-Artrock um Animal Collective, Dirty Projectors und Konsorten boomte, doch auf dem Höhepunkt des Hypes klinkten sich Grizzly Bear aus. Die vier Musiker schickten die Band auf unbestimmte Zeit in den Winterschlaf und verstreuten sich quer über den Erdball. Ein neues Album rückte in weite Ferne.

Eine Trennung auf Zeit ist häufig der Vorbote zur Beziehungshölle. Entschließt man sich zu dem Schritt, ist es oft schon zu spät. Doch Chris Taylor, Bassist von Grizzly Bear, ließ nicht locker: Er hatte die Rolle des Mediators inne und schaffte es, das Quartett wieder zusammenzubringen. Die Erleichterung der Musiker darüber steckt in der DNA von „Painted Ruins“: Das Album ist aufgeladen mit der Spielfreude einer Band, die ihre verloren geglaubte Chemie wiederfindet und dieses Momentum nutzt, um einen Neustart hinzulegen.

Der zeigt sich jedoch nicht in einem kompletten Neuanstrich, sondern in vielen Details. Oberflächlich hangeln die Songs sich wie gewohnt an Grizzly Bears Trademark-Timbre entlang: Die Harmonien sind mehrstimmig, die Arrangements verästelt und die Weirdness genau kalkuliert. Dass die Musiker aber ordentlich durchgelüftet haben, offenbart der zweite Hördurchgang: Der Sound wirkt direkter und kompakter, weniger ätherisch als auf den Vorgängeralben „Shields“ und „Veckatimest“. Auch das Schlagzeug sitzt weiter vorne im Mix und sorgt für mehr Drive. Exemplarisch dafür steht „Mourning Sound“: Mit pulsierendem New-Wave-Bass und treibendem Drumbeat kommt das Stück so druckvoll daher wie kein anderer Song in der Bandhistorie. In „Three Rings“ hingegen umgarnen sich knackige Drumbeats und verspielte Gitarrenriffs, bis sie ein Geflecht mit Drostes melancholischer Stimme eingehen und auf einen hymnischen Höhepunkt zusteuern, der unter die Haut geht. „Neighbors“ kommt dem Sound vorheriger Alben am nächsten: Die Harmoniegesänge von Rossen und Droste üben einen hypnotischen Sog auf den Hörer aus, im Hintergrund pluckert der Synthbass zur verträumt gezupften Gitarrenmelodie.

Eines haben die Songs auf „Painted Ruins“ gemeinsam: Grizzly Bear sind so greifbar wie nie. Der Grund für die vielen losen Enden, die den Hörer zum Entdecken einladen, liegt vielleicht in der besonderen Entstehungsgeschichte des Albums: Um die räumliche Entfernung zu überbrücken, richtete die Band eine Dropbox ein, auf der sie Soundschnipsel und Songideen teilte. Schicht für Schicht setzte sich so „Painted Ruins“ zusammen, als Resultat eines demokratischen Prozesses, in dem alle Ideen gleichberechtigt sind und nebeneinander stehen. Die Freude darüber, dass dabei ein so schönes Album wie „Painted Ruins“ herausgesprungen ist, kann die Band selbst kaum verbergen. „It’s chaos, but it works“ singt Droste in „Four Cypresses“. Kann man so unterschreiben.

12/10/2017 Berlin – Columbiahalle

VÖ: 18. August 2017 via RCA Records
Web Analytics