Von Julian Tröndle, 16. November 2020

Eine 25 Sekunden unbarmherzig lärmende Feedback-Gitarre ist zwar – zumindest in Kontexten des Punks – eine durchaus legitime und effektvolle Geste, um ein Album zu eröffnen; aber nur, wenn das Ganze letztlich in einer ordentlichen Eruption mündet. Diese Eruption jedoch wird den Hörer*innen im Eröffnungstrack des Debüts von Hachiku, dem Bandprojekt der in Melbourne beheimateten Musikerin Anika Ostendorf, mutwillig vorenthalten. Und bereits der schelmische Blick, den sie uns vom Cover aus entgegenwirft, verrät, dass dies nicht die einzige Erwartung bleiben wird, die die Musikerin auf „I’ll Probably Be Asleep“ zu untergraben gedenkt. Beginnen wir aber von vorn. Und zwar mit der Frage: Wer ist diese 25-jährige Wahlaustralierin mit dem seltsam deutsch klingenden Namen eigentlich, die uns hier listig hinters Licht führen will?

Ihre Identität – und mit ihr in gewisser Weise auch ihre Musik – erschließen sich nämlich erst wirklich mit Blick auf die ereignisreiche Migrationsgeschichte Ostendorfs: Nach ihrer Geburt in Michigan pendelte sie mit ihrer Familie zunächst zwischen den USA, England und Deutschland hin und her – eine Odyssee, die schließlich im nordwestfälischen Örtchen Dansweiler ihr fragwürdiges Zwischenziel findet. In diesem ereignisarmen Umfelds zwischen katholischen Ziegelstein-Pfarrheimen und Fachwerk begann trotz der widrigen Bedingungen eine eigentümliche musikalische Frühsozialisation. Bereits mit 14 gründete sie eine Pop-Punk-Coverband. Außerdem spielte sie mit ihrer Mutter und deren Mitarbeiter*innen aus dem IT-Sektor von Ford in einer Art Werksprojekt, welches Radiopopsongs adaptiere und – oh, grausame Welt! – lustig umdichtete.

Die Flucht aus dieser provinziellen Enge gelang ihr schließlich durch den Beginn ihres Biologie-Studiums in London, das sie auch für ein Auslandssemester nach Australien führen sollte. Dort absolvierte sie ein schicksalhaftes Praktikum beim Label Milk! Records – dem musikalischen Zuhause von Courtney Barnett. Denn statt ihre akademische Karriere weiter zu verfolgen, kehrte sie schon bald darauf nach Australien zurück und wurde durch ihr während des Praktikums geknüpfte Netzwerk kurzerhand Teil der Tour-Band-Set-Ups von Acts wie Aldous Harding, José Gonzales und The Breeders. Spätestens ab hier liest sich die Biografie Ostendorfs also wie eines jener unwahrscheinlichen Indie-Globalisierungsmärchen: Kürzlich noch mit der Mutter vor der versammelten Betriebsschaft beim Ford-Sommerfest; ein paar Jahre später mit Kim Deal im Sydney Opera House. Sie kam vermutlich aus dem Kneifen gar nicht mehr raus.

Dass diese Kollision grundsätzlich verschiedener Lebensrealitäten aber auch mit einer radikalen persönlichen Transformation einherging, erklärt sich beinahe von selbst. Es verwundert jedenfalls nicht, dass die Texte auf dem Hachiku-Debüt größtenteils von ambivalenten Gefühlen der Entwurzelung und Zerrissenheit geprägt sind – auch wenn Ostendorf ihren inneren Konflikten mit viel Humor und lakonischem Selbstbewusstsein zu begegnen weiß. Dies lässt sich gut anhand des Songs „Bridging Visa B“ illustrieren: Dieser verhandelt die Frage der eigenen Herkunft, die nach ihrer endgültigen Ankunft in Australien weiterhin eine zentrale Rolle in ihrem Alltag zwischen Bühnen und Gelegenheitsjobs spielte. Gleich zu Beginn des Songs greift sie daher neben dem bürokratischen Kampf um eine permanente Aufenthaltsgenehmigung auch jene unangenehmen Konversationen auf, die sie während ihrer Ankunftszeit mit zermürbender Penetranz begleiten:

Where are you from? / Well what do you think? / Presume that you’re wrong / Next time you’ll be more prepared.

Die Musik selbst scheut dabei Genre-Grenzen ebenso wie ihre Migrationsgeschichte die von Nationen: Während „Bridging Visa B“ mit seinen verzerrten Dinosaur-Jr.-Gitarren-Riffs tatsächlich vom DIY-Garage-Rock ihrer Fördererin Courtney Barnett inspiriert scheint, lassen sich die anderen Songs meist weniger klar musikszenisch verorten: „Busy Being Boring“ erinnert mit seinem retrofuturistischen Drumloops entfernt an frühe Beck-Alben; im Song „Shark Attack“, in dem sie die sicheren Pfade der Lakonie für einen kurzen Moment mutig verlässt, schimmert wiederum der dynamische Bedroom-Power-Pop eines Will Toledo durch. Anders als bei ihren Label-Kolleginnen ist das natürliche Habitat von Ostendorf also nicht eine mit Verstärkern vollgestopfte Garage; ihre Entwurzelung und ihr globalisierter Weltschmerz führt sie vielmehr zurück ins sichere eigene Schlafzimmer. Dieser Rückzug ist allerdings nicht als biedermeierliche Kapitulation zu verstehen. Die Selbstisolation erscheint im Falle Ostendorfs vielmehr als selbstbewusste Geste, in der selbst der Schlaf als Mittel cooler Erhabenheit funktioniert:

Maybe I’ll be up for it / But I’ll probably be asleep.

VÖ: 13. November 2020 via Milk! Records