Von Julian Tröndle, 20. Oktober 2020

Noch bis vor Kurzem war der Monarchfalter ein popkulturell relativ bedeutungsloses Insekt. Dann erschien der Debütroman „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ des US-Amerikanischen Autoren Ocean Vuong, in dem ihm die jährliche Reise des orangefarbenen Schmetterlings als Metapher für die eigene familiale Migrationsgeschichte von Vietnam in die USA diente: Nur die Nachkommen der Monarchen, die sich jeden September von Nordkanada auf den Weg nach Zentralmexiko machen, kehren wieder in den Norden zurück. Die ältere Generation verendet bereits auf der Reise – oder kurz nach ihrer Ankunft. Im Roman bezieht Vuong dieses Naturphänomen auf zugleich drastische als auch auch poetische Weise auf seine eigene Biographie, wenn er schreibt:

Die Erinnerung an Familienmitglieder, die der einsetzende Winter gefordert hat, ist in ihre Gene verwoben. (…) Was meinen wir, wenn wir von einem Überlebenden sprechen? Vielleicht ist ein Überlebender der letzte Heimkehrer, der letzte Monarchfalter, der sich auf einem Zweig niederlässt, der sich bereits biegt unter Geistern.

Ein Jahr später erscheint nun ein Folk-Album, dessen Musik ebenfalls von der Reise des Monarchfalters inspiriert ist. „Monarch Season“, der dritte Longplayer der Kanadierin Jennifer Castle, entstand der Legende zufolge während der titelgebenden Wanderschaft des Insekts. Während sich draußen die Tiere für ihre finale Reise sammelten, saß Castle über ihren Songs in einer Küche irgendwo in Ontario, in die sich neben dem Mondlicht ab und an auch einer der eigentlich abreisebereiten Falter verirrte. Die radikale Fragilität der Bewegungen und seiner prädeterminierten Existenz inspirierte Castle in diesem Moment wohl zu einem ebenso fragilen Folk-Entwurf. Denn während die Arrangements auf den beiden Vorgängeralben oftmals noch üppig-orchestral ausstaffiert wurden, wird ihr Songwriting auf „Monarch Season“ nun zu einem minimalistischen Destillat aus Gitarre, Klavier, Mundharmonika und ihrem hallgetränkten Vibrato. Die Platte kann somit, wie es im Beipackzettel zur Platte heißt, gar als ihr erstes richtiges Soloalbum betrachtet werden.

Da die meist abstrakt bleibenden Lyrics das Bild der Monarchen-Reise jedoch nicht weiter aufgreifen, bleibt man am Ende des ebenso kurzen wie flüchtigen Albums allerdings mit dem Eindruck zurück, dass die Kopplung zwischen Natur und Kunst auf „Monarch Season“ eher ästhetisch als narrativ funktioniert. Anders als bei Vuong dient das Bild ihrer Wanderschaft hier nicht als Erzählimpuls; vielmehr ist es das Werk selbst, in dem sich das Wesen des Falters allegorisch manifestieren soll. Frei oszillierend und federleicht verharrt die Musik zunächst sanft über dem Grund schwebend, bevor sie sich in traumwandlerischer Präzision gen Äther erhebt. Was Vuong in seinem Roman über die Insekten schreibt, ließe sich metaphorisch daher ebenso auf die neun Songs auf „Monarch Season“ anwenden:

Sie lassen sich zwischen uns nieder, auf Fensterbänken und Maschendrahtzäunen, Leinen, wie weichgezeichnet vom eben noch hängenden Gewicht der Wäsche, auf der Motorhaube eines verblichenen blauen Chevy; ihre Flügel schließen sich langsam, als würden sie fortgeräumt, ehe sie einmal zusammenschnellen, in den Flug hinauf.

VÖ: 16. Oktober 2020 via Paradise of Bachelors