Von Connor Endt, 05. Oktober 2020

Um die isländische Band Sigur Rós ist es ziemlich still geworden, das letzte Album liegt bereits sieben Jahre zurück, wenn man den Beitrag zum Game of Thrones Soundtrack und diverse Nebenprojekte nicht mitzählt. Ein Grund dafür könnte auch die Tatsache sein, dass Frontmann und Sänger Jón Þór Birgisson zuletzt zunehmend auf interdisziplinären Pfaden wandelte und für verschiedene Installationsarbeiten künstlerische und musikalische Elemente miteinander kombinierte.

Mit „Shiver” präsentiert Birgisson jetzt das zweite Soloalbum unter dem Pseudonym Jónsi. Und natürlich hört man heraus, dass auf „Shiver” ein Mitglied von Sigur Rós am Werk ist, die melancholischen, in die Länge gezogenen Gesangsfetzen in isländischer und englischer Sprache sprechen Bände. Und doch klingt Jónsis zweites Album um einiges experimenteller und schräger als der Output seiner Band – und das im guten, wie im schlechten Sinne.

Jónsis Stimme wird bereits im Opener „Exhale” in einzelne Silben zerhackt und durch eine Vielzahl an Delays und Reverbs gejagt. Gleichzeitig wird die heraufbeschworene Atmosphäre immer wieder von knatternden Synthesizern und Drumbeats durchzogen. Maßgeblich verantwortlich für diese Stilbrüche und Irritationsmomente ist der britische Produzent A. G. Cook, der bekannt ist für seine glitchartigen, verfremdeten Pop-Produktionen. Cooks Einfluss auf der Platte wird bei Songs wie „Wildeye” oder auch „Kórall” deutlich: die Vocals werden komplett zerlegt und zu seltsam verfremdeten Bruchstücken wieder zusammengesetzt, Beats pumpen dazu asynchron im Hintergrund.

„Shiver” beschert ein forderndes, wenn nicht sogar anstrengendes Hörerlebnis, eine Glitch-Version von Sigur Rós sozusagen. Lediglich „Cannibal” (wunderbares Gesangsfeature mit Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins!) und „Grenade” erinnern noch entfernt an die schwerelose Leichtigkeit des isländischen Bandprojekts.

VÖ: 02. Oktober 2020 via Krunk