Von Jan-Frederic Goltz, 17. Juni 2019

Wenn einem das Leben Streiche spielt und nichts so läuft wie man sich das vorgestellt hat, kann man sich entweder in Selbstmitleid suhlen oder einen Neustart wagen. Julia Shapiro, vielen bekannt als Sängerin und Gitarristen der Indie Rock Band Chastity Belt aus Seattle, hat Ersteres nicht gemacht: Den Kopf in den Sand gesteckt. Stattdessen hat sie etwas aus der Misere gemacht und sich selbst aus dem Schlamassel gezogen.

Zum Hintergrund: Im April letzten Jahres, brach Shapiro überraschend die komplette US-Tour ihrer Band ab. Gesundheitlich angeschlagen, voller Trennungsschmerz und mit Tendenzen zur Depression, kam sie an einen Punkt, an dem sie ihre musikalische Karriere fast an den Nagel hängte. Zurück in Seattle beschloss die talentierte Musikerin glücklicherweise genau das Gegenteil und tat das, was sie unlängst in ihren Leben tun wollte: Alleine eine Platte aufnehmen. Vermutlich auch eine der klügsten und kreativsten Krisen-Überwältigungsstrategien, denn schließlich kann man sein Leben in diesen Phasen auch komplett verschwenden und nach einem Jahr mit leeren Händen da stehen. Nicht Shapiro, denn sie veröffentlicht nun auf Hardly Art ihr Solodebüt „Perfect Version“.

Der Titel des Albums trügt nicht. Auf zehn Stücken finden wir, wie könnte es auch anderes sein, herrlich schimmernde Gitarren, die Platz lassen für die raumfüllende Stimme Shapiros. Besonders markant ist hierbei das schleppende Stück „Shape“, dessen dreamy Gitarren-Riff einen nach einmaligen Hören den lieben langen Tag begleitet. My Bloody Valentine-Momente finden sich auf „Harder To Do“ – das durch seine verzerrten Gitarren Schichten und den zarten Gesang besticht. Aber auch luftig und locker geht: „Around The Block“ ist ein ganz wunderbarer Pop Song und überhaupt – ach Seattle. Nur im schließende Track „Empty Cup“ scheint eine dystopischen Stimmung durch, die von der musikalischen Machart stellenweise an Grouper (Liz Harris) erinnert.

Das Gesamtwerk ist zwar durchweg melancholisch angehaucht, lässt jedoch durchweg Optimismus durchklingen, den sich Shapiro tunlichst beibehalten sollte. Denn im Herbst kommt sie auf Tour nach Deutschland, zusammen mit ihrer Girl Gang von Chastity Belt. Vielleicht ist was dran, dass jemand der hinfällt und wieder aufsteht, viel stärker ist, als jemand, der niemals gefallen ist.

29.09.2019 München – Kranhalle
04.10.2019 Schorndorf – Manufaktur
05.10.2019 Jena – Trafo
06.10.2019 Berlin – Frannz Club
07.10.2019 Hamburg – Molotow
08.10.2019 Köln – Bumann & Sohn

VÖ: 14. Juni 2019 via Sub Pop Records