Von Julian Tröndle, 16. Oktober 2020

2013 galt Kevin Morby noch als unverbrauchter Hoffnungsträger der traditionsbewussten US-Folk-Szene. Gerade war sein Debütalbum „Harlem River“ erschienen, auf dem der Texaner selbstbewusst hypnotisch-redundanten Dub-Folk mit Ad-hoc-Traditionals wie aus dem Great American Songbook kollidieren ließ. Stilistisch geklammert wurde dieser wilde Mix vom erstaunlich lebensweisen Bob-Dylan-Timbre des damals erst Vierundzwanzigjährigen.

Heute, nur sieben Jahre später, erscheint mit „Sundowner“ bereits sein sechstes Soloalbum. Schon auf den letzten beiden Platten ging diese hohe Output-Frequenz jedoch mit deutlichen Verschleißspuren einher: „City Music“ (2017) war selbst nach eigenen Angaben eine Art Resteverwertung der Aufnahmen zum Vorgänger; „Oh My God“ (2019) wiederum geriet zum musikalisch irrlaufenden Ausflug ins Sakrale – samt Kirchenorgeln, Saxophon und bebenden Frauenchören. Dass es letztlich aber nicht Instrumentierungs-Experimente sind, die diese Alben hinter den vielversprechenden Anfängen seiner Karriere zurückfallen lassen, wird nun spätestens auf „Sundowner“ offenkundig. Obwohl Morby hier mit traditionellem Band-Setup stilistisch wieder am eigenen Frühwerk andockt, bleiben die Songs zumeist erschreckend konturlose Kopien dieser Phase: Der Opener „Valley“ wandelt mutlos auf den bereits ausgetrampelten Pfaden seines besseren Twee-Pop-Zwillings „All My Life“; „Brother, Sister“ versucht sich mit stoischem Bassbett und hallgetränkten Percussions an einer aktualisierten Form des Titeltracks von „Harlem River“, kann dessen intensive Sogwirkung aber lediglich andeuten.

Die beiden Beispiele zeigen auf symptomatische Weise, dass man die zehn Songs auf „Sundowner“ letztlich als indifferente Skip-Kandidaten in eine Playlist der bisherigen Kevin-Morby-Discographie integrieren könnte (der Konjunktiv ist hier bloßes Stilmittel; der Autor bürgt für den Effekt). Dies wiederum lässt nur einen – zugegeben – trivialen und altväterlichen Schluss zu: Gutes Songwriting geschieht nicht in einer einmonatigen Pause zwischen Festival- und Clubtour; gutes Songwriting erfordert Zeit – Zeit, die sich Kevin Morby offenbar nicht zugestehen will. Vor dem Hintergrund seines bereits bewiesenen Potentials als Songwriter muss seine nimmermüde Dauerpräsenz daher beinahe als traurige Verschwendungswut betrachtet werden, die seit dem Fehlen seiner beiden musikalischen Idole Jason Molina und David Berman doppelt schmerzt. Man freut daher schon jetzt auf das nächste Kevin Morby Album – zu beeilen braucht er sich dieses Mal aber bitte nicht.

VÖ: 16. Oktober 2020 via Dead Oceans