Kikagaku Moyo – Masana Temples

Kikagaku Moyo Masana Temples

Vielleicht das unwichtigste zuerst: diese Band hat nicht nur verdammt lange, schwarze Haare. Sie weiß sich auch zu kleiden. Sogar die GQ, nicht unbedingt bekannt für exquisiten Musikgeschmack, handelt Kikagaku Moyo gerade als „bestangezogendste Band des Jahrzehnts“: „The guys (…) know how to wear an explosion of color and print like nobody’s business.“

Natürlich alles oberflächlicher Mumpitz, und dennoch zeigt diese kleine Randnotiz ganz gut, wie geschickt sich das Quintett aus Tokyo mit einem mehr als stimmigen Bandkonzept gerade eine immer breiter werdende Fangemeinde erspielt. Abgesehen vom beharrlichen Ausdauer-Touren durch Clubs und Festivals irgendwo zwischen Berlin, Paris, Lissabon, L.A. und Peking und von ihrem konstant spannenden Studio-Output zehren Kikagaku Moyo durchaus von einer gewissen Bilderbuchhaftigkeit, wo immer die Band in Erscheinung tritt. Logisch, der gemeine westliche Psychrocker liebt naturgemäß das weitgereist Exotische und was in den 1970ern die in Can eingebundene, japanische One-Man-Show Damo Suzuki erledigte, bekommt man heute eben gleich als instagramtaugliche Dauerjam-Formation im Boyband-Format. Was bitte, soll daran falsch sein? Oder: Wachstum endlich mal in nichtscheiße.

Als die ersten Songs von „Masana Temples“ – Kikagaku Moyos viertem Studioalbum, das mit Hilfe des portugiesischen Jazz-Musikers Bruno Pernadas entstanden ist – erklingen, ist man beinahe froh, dass einen der bandeigene, unwiderstehlich entrückte Understatement-Charme willkommen heißt. Und nicht ein Versuch, auf Teufel komm raus das „Rated R“ des Neopsychedelic-Rock zu fabrizieren (was das überaus gelungene, opulente Cover-Artwork kurz vermuten ließ). Auf ein himmlisch zart-verspieltes Sitar-Intro folgt dann mit „Dripping Sun“ ein erster, wohldurchdachter Acht-Minuten-Kracher mit Hitcharakter, der mal bekifft-beschwingte Kalifornien-Funkyness, mal nachdenkliche Introvertiertheit atmet. Kontrastreich, aber wesentlich kompakter geht es weiter mit „Nato Nato“, ein meditativer Midtempo-Track, und dem, wie soll es anders sein, hektischen Kraut-Zappler „Fluffy Kosmisch“, der wie das gesamte Album unfassbar, unangestrengt tight wirkt.

Die nächsten beiden Stücke, „Majupose“ und „Nana“, vermengen heiter weiter jeweils völlig verschiedene Einflüsse – beiden haftet aber etwas derart überschäumend Ehrliches und Fröhliches an, dass einem endgültig klar wird: nein, niemand macht hier auf authentisch. Kikagaku Moyo leben ihn vor unserer aller Augen wirklich, den Traum aller Bands (#IronieOff). Fünf Typen, ein Tourbus. Bisschen was zu rauchen, hier mal etwas Acid. Fun, Fun, Fun. Erwachsenwerden? Scheiß drauf. Jetzt ist hier und hier ist jetzt. Wo bitte geht’s zur Hall of Fame? Und auf dem Weg fällt einem dann noch schöner Unfug wie das (ab jetzt) sagen umwobene „Masana“ ein, das laut bandeigener Plattenfirma Folgendes beschreibt: „A Utopian feeling; an existence where everything can interact harmoniously and offer inspiration and understanding.“ Na klar, wenn es so gut klingt wie hier: gekauft!

Und ohne auf den Rest des Album weiter einzugehen (Spoiler: es bleibt gut), lassen sich dem Best-Dress-Award an dieser Stelle noch andere, viel geilere Superlative hinzufügen: „Masana Temples“ ist nicht nur das zugänglichste und bislang facettenreichste Werk der Band, hier liegt das wohl stimmigste und virtuoseste Album über Freundschaft vor einem, das in diesem Jahrzehnt erschienen ist. Kann sein, die Band selbst sieht das ähnlich, schreibt sie doch in rührenden Worten: „More than the literal interpretation of being on a journey, the album’s always changing sonic panorama reflects the spiritual connection of the band moving through this all together. Life for a traveling band is a series of constant metamorphoses, with languages, cultures, climates and vibes changing with each new town. The only constant for Kikagaku Moyo throughout their travels were the five band members always together moving through it all, but each of them taking everything in from very different perspectives. Inspecting the harmonies and disparities between these perspectives, the group reflects the emotional impact of their nomadic paths.“

12.11.2018 Köln – Gebäude 9
13.11.2018 Berlin – Lido
16.11.2018 Leipzig – Transcentury Update
17.11.2018 (CH) Düdingen – Bad Bonn
19.11.2018 (AT) Wien – Arena
26.11.2018 Hamburg – Hafenklang

VÖ: 05. Oktober 2018 via Guruguru Brain
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