Von Tim Brügmann, 14. Oktober 2020

Um den Elefanten im Raum gleich mal mit Vornamen anzusprechen, ja Skandinavien hat den Retro-Rock gepachtet. Doch statt sich zum hundertsten Male an Jimmy Page und Konsorten zu versuchen, lassen die Kings of the Valley aus Trondheim ihre Gitarren im Stile von Rush und vielen weiteren Prog-Ikonen erklingen. Auf eine viel beachtete EP folgt im Pandemie-Jahr schließlich das längst fällige Debüt, kurzum selbstbetitelt.

Von der Urgewalt des großen Säugetiers, welches das Artwork ziert, vermag jedoch nur der Opener „At The Gate“ zeugen. Auf den restlichen 35 Minuten regiert gemütlicher und dennoch abwechslungsreicher Progressive-Rock für die Seele. Wer die erste an Graveyard erinnernde Hürde genommen hat, der findet sich auf „The Golden Shore“ sogleich im ersten 10-Minuten-Balsam wieder. Genug Zeit um auch einmal die wunderbar skandinavischen Namen Øystein Megård (Keyboard, Gitarre, Gesang), Markus Margido Drazkowski Teksum (Bass, Gesang), Esten Mortensen Holien (Schlagzeug, Percussions, Cymbals, Gesang) und Christopher Roseth Sand (Gitarre, Lead Gesang) einmal wirken zu lassen, ehe das Quartett nochmal tiefer in die Saiten greift.

Ansonsten trifft wieder einmal Harmonie auf ausgedehnte Passagen der Improvisation, vor allem wenn auf dem Album-Highlight „Not Alone“ sich die Welten von Steven Wilson mit norwegischem Understatement kreuzen. Das mag an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas zu handsam wirken, nichtsdestotrotz freut man sich nach einer guten Dreiviertelstunde Klangkur über ein knackiges und erzsympathisch eingespieltes Prog-Rock Album. Für Fans des Genres sicher nur ein Häppchen, für alle Musikfans, denen die großen Epen der progressiven Spielart zu ausufernd sind, gerade richtig. Und wer dann noch etwas starkstromlinienförmigeren Nachschlag fordert, schiebt einfach die EP als Encore hinterher.

VÖ: 18. September 2020 via Wonderful & Strange Records / Stickman Records