Von Christian Selzer, 26. September 2019

Während England dem No-Deal-Abgrund entgegentaumelt, hat raue, politisch agitierende Musik weiterhin Hochkonjunktur im Vereinigten Königreich. Nach Idles aus Bristol, Shame aus London und Fontaines D.C. aus Dublin sind LIFE aus Hull nun die nächsten, die ihrer Wut Luft machen.

Produziert wurde „A Picture Of Good Health” von Luke Smith (Foals) and Claudius Mittendorfer (Parquet Courts). Resultat ist ein Sound, der es sich zwischen Krachpunk und Kunsthochschule gemütlich macht, aber keine Zeit verlieren möchte. Schon der Opener „Good Health” paukt mit polternden Bassläufen, hektischen Drums und dem hysterischen Gesang von Sänger Mez Sanders-Green durch die ersten Momente des Albums. Ungestüm und voller Energie geht es weiter, wenn in „Moral Fibre” kantige Gitarren auf britischen Zynismus treffen und zum manischen Mithüpfen animieren. In „Half Pint Fatherhood” schließlich kehrt Mez Sanders-Green sein Inneres nach außen und thematisiert die finanziellen und psychischen Probleme, die sein Leben als alleinerziehender Vater im derzeitigen England mit sich bringt.

Dass von 13 Songs nur zwei die Dreiminutenmarke knacken, ist lediglich ein weiterer Beweis für die fiebrige Energie, die der Rabauke von Album verströmt. Eine solch rohe und rotzige Direktheit hat man zuletzt vielleicht Mitte der Nullerjahre bei den Arctic Monkeys gehört. LIFE machen kurzen Prozess und spielen um ihr Leben, keine Frage. Sollte Politclown Boris Johnson das Land in den nächsten Wochen vor die Wand fahren, darf man sich sicher sein: Der musikalische Backlash kommt – und er wird ziemlich laut sein.

11.11.2020 Berlin – Cassiopeia
12.11.2020 Hamburg – Hafenklang
15.11.2020 Münster – Sputnik Café
16.11.2020 Köln – Blue Shell

VÖ: 20. September 2019 via Afghan Moon / PIAS