Von Oliver Schröder, 22. Mai 2020

„Du hast ‘ne Elektro-Band? Warum tust du dir sowas an? Ist doch alles Scheiße seit Florian Schneider tot ist.“ Der Tod des mutmaßlichen Klang-Perfektionisten hinterlässt bei vielen eine große Lücke. Ironischerweise war Kraftwerks musikalischer Einfluss noch nie so allgegenwärtig wie heute. Nachzuhören ist das an vielen Orten, Alben, Songs. Love-Songs machen uns bereits seit 2012 vor, wie man mit einem solchen Erbe umgehen sollte: Es dafür zu nutzen, um etwas Neues zu erschaffen zum Beispiel.

„Nicht Nicht“ ist als Quasi-Debütalbum der Hamburger Band ein beeindruckendes Statement zur kreativen Lebendigkeit des mit elektronischen Mittel geprägten Krautrocks, der seit den Sechzigern eine Sonderstellung in der deutschen Musiklandschaft einnimmt. Unspektakulär experimentell verwenden Love-Songs alte und bewährte Elemente und lösen sich bei deren Einbau in neue Stücke gar nicht mal so sehr von den alten Vorbildern. Trotzdem klingt „Nicht Nicht“ nicht nach muffiger, improvisationsgeprägten Rockmusik. Vielmehr scheint der Weg das Ziel zu sein während rechts und links die unterschiedlichsten Fragmente vorbeiziehen und blubbernd ihre Form verändern. Das Anpassen und manipulieren dieser Klangstrukturen wird zum Work-In-Progress-Erlebnis. Der Hörer wird Zeuge eines Prozesses und verändert sich beim Hören gleich mit. Popkulturelle Selbstfindung in Zeiten des Aufruhrs sozusagen. Mindestens systemrelevant. So darf das gerne weitergehen: „Endlos Endlos“.

VÖ: 22. Mai 2020 via Bureau B