Von Oliver Schröder, 31. Juli 2020

“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – So selbstverständlich die einleitenden Worte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 auf dem Papier klingen, so sehr verzweifeln viele bei dem Gedanken daran, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, bis wir auch nur in die Nähe dessen Erfüllung kommen. Dabei schienen wir doch lange Zeit auf einem guten Weg zu sein, bevor sich Krisen, Ängste und Machtgier lautstark zurückmeldeten. 2020 ist dann wohl endgültig das Jahr, in dem vieles zutage tritt, das jahrelang bereits unter der Oberfläche gärte. Verstärkt durch das Internet sind vor allem die Lauten, Zyniker und Pessimisten wahrnehmbar.

Max Richter möchte mit seinem neuen Projekt einen Optimismus anfeuern, der in der heutigen Welt viel zu selten spürbar ist. Er rief Menschen auf der ganzen Welt dazu auf, sich an der Lesung des historischen Textes zu beteiligen. Ihre Stimmen bildeten die Grundlage für „Voices“, die durch Richters Musik auf eine für ihn charakteristische emotionale Ebene erhoben wird. Wie auf seinen zahlreichen Filmsoundtracks funktioniert das Orchester wie ein zusätzlicher Erzähler, der die Handlung nicht nur unterstreicht, sondern um viele zusätzliche Elemente und Nuancen ergänzt. Stimmen und Musik setzen auf Kraft, nicht auf Lautstärke und setzen dem Gebrüll der Selbstermächtigten ein eindrucksvolles Statement entgegen.

So wird „Voices“ zu einem dieser „Wise up“-Momente, in denen die Welt stillzustehen scheint, die Menschen einen Schritt zurücktreten und für einen Augenblick so etwas wie ein Gesamtbild betrachten können. Bleibt zu hoffen, dass der Richter-Effekt nicht nur die knappe Stunde anhält, die das Album bis zum letzten Stück „Mercy“ benötigt. Guckt man unter das von Yulia Mahr inszenierte Video zu „All Human Beings“, ist tatsächlich ein ungewohntes Bild von Empathie und Optimismus zu sehen: In den sonst vor Boshaftigkeit und Zynismus nur so strotzenden Kommentarspalten versammeln sich viele hundert berührte Menschen um einträchtig in Richters Musik zu schwelgen und für die Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen.

VÖ: 31. Juli 2020 via Decca