Von Nico Beinke, 13. März 2020

Wie wichtig heutzutage gewisse Schlagwörter sind, um ein adäquates Netzwerken zu gewährleisten, wird mir bewusst, als ich auf der Bandcamp-Seite der Hamburger Melting Palms die üblichen Verdächtigen – Psychedelia, Post-Punk und Shoegaze – lese. Stimmt ja auch, passt schon, haut schon hin. Trotzdem ist es auffällig, wie sehr heutzutage Musik wieder in die oft schon vorgegebenen Kategorien gepackt wird, weniger um sie exakt zu umreißen, sondern (auch) um Klicks zu generieren und die Musik, der zu promotenden Bands, in eine Art Kanon zu befördern. Ein Kanon, der zumindest ein wenig Planungssicherheit für seine Musiker anbieten kann. Daraus lässt sich, gerade gegenüber Melting Palms, überhaupt kein Vorwurf konstruieren und so möchte ich diesen Text keinesfalls verstanden wissen. Mal abgesehen davon, dass es zutrifft, „Abyss“ durchaus zumindest Psychedelia und Post-Punk im Repertoire hat, aber Shoegaze dann vielleicht doch nicht allzu doll.

Zu Zeiten, in denen ich noch über Bands wie Dag för Dag und Murmansk schrieb, an die mich diese Album erinnert, hätte ich „Abyss“ wohl Noise-Rock oder düsteren Indie genannt. Die Psychedelia spielt sich nämlich vorwiegend zum Intro – oder besser im ersten Akt – für „Teresa‘s Dream“ ab und dem abschließenden „Lipka“ an zehnter Stelle der Tracklist. „Lipka“ scheint mir zugleich der Nachnahme des Verursachers der Drone-Klangflächen zu sein, einem gewissen Markus E.

Und jetzt wo ich das Album einem dritten Durchlauf unterziehe, ist an der ein oder anderen Ecke vielleicht doch ein klitzekleines bisschen Shoegaze zu vernehmen, denn es blitzt gelegentlich ein wenig Blonde Redhead durch, vor allem wenn Teresa Koeberle singt, was tatsächlich die Stimmung der Songs ein wenig in Richtung Traum wendet. Mir gefällt im Übrigen ebenfalls der spielerische Umgang mit den Songtiteln. Und jetzt gehe ich und krame in meiner Kiste mit den alten Promos, auf der Suche nach Dag för Dag und Murmansk.

13.03.2020 Bremen – p.ara
14.03.2020 Magdeburg – Takt:los
15.03.2020 Berlin – Tiefgrund
16.03.2020 Leipzig – Noch Besser Leben
19.03.2020 Tübingen – Lichtenstein
20.03.2020 (CH) Kreuzlingen – Horst Club
21.03.2020 Kassel – Goldgrube

VÖ: 13. März 2020 via La Pochette Surprise Records