Von Christian Selzer, 14. Februar 2020

Kinder, wie die Zeit vergeht. Kürzlich noch schickte die Gruppe Messer Eisblitze aus dem zugigen Postpunk-Rohbau, nun heizt sie ihren Sound mit karibischen Klängen auf dem Sonnendeck an. Auf „No Future Days” überraschen Messer mit Reggae- und Dub-Anleihen – und wirken auch ansonsten weniger kratzbürstig als gewohnt. Was ist geschehen? Den Abgang ihres Percussionisten Manuel Chittka nutzten die wieder zum Quartett geschrumpften Messer zur musikalischen Neuorienterung. Der drastische und alles anzweifelnde Sound des Vorgängers „Jalousie” musste weichen, fortan setzte die Band auf Reduktion und Kompaktheit.

Nun ist die Welt heute noch mehr im Arsch als vor vier Jahren. Deshalb sollte man die neue Leichtfüßigkeit auch nicht als Anzeichen eintretender Altersmilde sehen. Vielmehr haben Messer ein üppiges Referenznetz gestrickt, in dessen Unterholz zahlreiche Fährten gelegt sind. Folgt man diesen, landet man fast zwangsläufig in der Schwellenzeit der 1970er- und 80er-Jahre, in denen der britische Postpunk heftig mit Dub und Reggae karibischer Einwanderer flirtete. Symptomatisch dafür stehen die Songs „Anorak” und „Tapetentür”, die mit hingetupften Gitarren und groovigem Dub-Bass an The Clash zu Sandinista!-Zeiten erinnern. Das vorwärts preschende und atmosphärisch dichte „Frau in den Dünen” lässt hingegen an die Postpunk-Urväter Wire oder Gang of Four denken. Krautrock ist ebenfalls ein wichtiger Bezugspunkt für Messer, was nicht nur die Anspielung auf Cans „Future Days” im Albumtitel beweist.

Verschlungen sind auch die Pfade, die die Lyrics beschreiten. Obwohl der Gesang auf „No Future Days” stärker in den Gesamtmix integriert ist, weiß Hendrik Otremba mit wenigen Worten Türen zu öffnen. In den dahinter liegenden Zwischenwelten wimmelt es vor rätselhaften Fenstern, Löchern und Zimmern, die Otremba zur Reflexion über Zeit heranzieht. So legt er im Opener „Das verrückte Haus” Erinnerungsfragmente frei, indem er die Räume seiner Kindheit wie bei einer Hausbesichtigung durchläuft – nur um dann festzustellen, dass das Haus verschoben, eben verrückt sei.

Verweis- und fintenreich zieht „No Future Days” in den Bann. Mit ihrem vierten Album legen Messer eine grooveorientierte Neuinterpretation von Postpunk vor, die verkopftes Songwriting mit tanzbaren Elementen anreichert. Das hat auf jeden Fall Future!

30.05.2020 Leipzig – Wave-Gotik-Treffen
29.08.2020 Hamburg – Knust Hamburg
24.09.2020 Bochum – Die Trompete
25.09.2020 Schorndorf – Club Manufaktur
26.09.2020 Nürnberg – MUZclub
30.09.2020 Oberhausen – Gdanska
01.10.2020 Karlsruhe – KOHI-Kulturraum
02.10.2020 Darmstadt – Oetinger Villa
03.10.2020 Bonn – BLA
20.11.2020 Kaiserslautern – Kammgarn
21.11.2020 (CH) Bern – Dampfzentrale Bern (Saint Ghetto Festival)
11.12.2020 Münster – Gleis 22
12.12.2020 Hannover – CAFE GLOCKSEE
13.12.2020 Dresden – Scheune Dresden
14.12.2020 Berlin – Musik & Frieden
15.01.2021 Köln – Gebäude 9
16.01.2021 Wuppertal – die börse wuppertal

VÖ: 14. Februar 2020 via Trocadero Records