Von Oliver Schröder, 25. Juni 2019

1988 in einer ostwestfälischen Kleinstadt, Pausenhof einer Realschule: Ich war 14 Jahre alt und neu an der Schule, nachdem ich achtkantig vom Gymnasium geflogen war. Die interessanteste Figur auf dem Schulhof war ein Typ mit struppigem Iro und abgewetzter Lederjacke und gestreifter Spandexhose. Meine Klamotten wurden hingegen noch von meiner Mutter im örtlichen Modekaufhaus gekauft und sahen auch dementsprechend aus.

Auch musikalisch schienen wir kaum Gemeinsamkeiten zu haben. Er stand auf Punkbands wie Slime, Sex Pistols und Crass. Ich hatte gerade Velvet Underground und The Who für mich entdeckt. Irgendwann kamen wir durch seine „Gegen Nazis“-Aufnäher ins Gespräch. Er hatte kürzlich von seinem Onkel ein paar Tapes mit schrägem Zeug aufgenommen bekommen. Irgendwas mit Kraut oder so. Wir trafen uns also abends auf einen Rucksack voll Dosenbier und hörten Musik.

Auf der ersten Kassette stand „Monster Movie“ und „Can“. Wir wussten nicht, was Bandname und was Albumtitel war, aber wir waren zu 100% sicher, dass entweder meine Anlage oder das Tape kaputt sein musste. Das fiepende Geräusch konnte so nicht gewollt sein. Wir hörten uns trotzdem weiter durch „Father Cannot Yell“, guckten uns zwischendurch ungläubig an, grinsten bei den merkwürdigen Stöhngeräuschen, die der Sänger immer wieder von sich gab. Die folgenden Wochen gab es kaum ein anderes Thema. Can bildete genau die Schnittmenge zwischen seiner rohen Aufsässigkeit und meiner Suche nach Unkonventionellem. Krautrock, obwohl damals schon 20 Jahre alt, riss uns in dieser Form gleichermaßen mit.

Wir arbeiteten uns durch ein paar weitere Alben und landeten schließlich bei Neu!. Hier gingen unsere Meinungen auseinander. Während ihm die langen, enigmatischen Instrumentalstücke zu esoterisch verschwurbelt erschienen, war ich angefixt von der melodischen Monotonie. Dass der geschmackliche Grat nicht nur für meinen Schulfreund schmal war, merkte ich jedes Mal, wenn ich die Musik anderen Leuten vorspielte. Vielen passierte zu wenig und wenn etwas passierte, waren es verstörende Merkwürdigkeiten, die man nur schwer als Musik bezeichnen konnte. Abgesehen davon handelte es sich komplett um altes Zeug aus den Siebzigern, was von vorneherein eher als unsexy galt.

Im örtlichen Plattenladen machte ich mich also auf die Suche nach aktuellem Material und wurde auch fündig. Neu!-Gitarrist Michael Rother hatte kurz zuvor eine Soloplatte mit dem Namen „Traumreisen“ veröffentlicht. Schon der Name machte mich stutzig, klang es doch nach etwas, das meine Mutter morgens beim Putzen im Radio auf WDR 4 hätte hören können. Egal, gekauft. Die Enttäuschung war damals groß. Mit den flächig-angekitschten Stücken ließ sich meiner Meinung nach nicht viel anfangen, außer – nun ja – dazu zu putzen. Hier endete mein Interesse an Rothers Solowerk abrupt. Der später nachgelieferte Dance-Remix zu „Lucky Stars“ bekräftigte diese Entscheidung noch einmal nachdrücklich. Fast schon schlagereske Melodien im Discofox-Takt stießen mich für lange Zeit endgültig ab.

Knapp dreißig Jahre später sorgte ausgerechnet Herbert Grönemeyer dafür, dass sich das änderte. Zunächst erschienen die Neu!-Alben nach längerer Vorarbeit neu gemastert auf seinem Label Grönland Records und boten die Chance, ein paar Lücken im Plattenregal zu füllen. Die Liebe war neu entfacht, bis schließlich die Ankündigung kam, auch Rothers Soloalben neu zu veröffentlichen. Ein Blick auf die Albencover verhieß nichts Gutes: „Sterntaler“, „Flammende Herzen“ und „Katzenmusik“ riefen wieder die alte Ablehnung hervor. Als ich realisierte, dass Cans Jaki Liebezeit bei den meisten Stücken an den Drums saß, wurde ich dann doch schwach.

Vielleicht liegt es daran, dass ich heute wesentlich älter bin, vielleicht ließ ich mich damals als Teenager aber auch zu viel von meinem skeptischen Umfeld beeinflussen: Zumindest die genannten Alben treffen einen musikalischen Nerv, der durch wenige andere Musiker überhaupt gefunden wird. Mittlerweile haben auch Stücke wie „Karussel“ und „Sonnenrad“ einen festen Platz in meinem Alltag gefunden. Nicht zum Putzen, so viel ist klar.

Anmerkung für das Plattenregal: Am 21. Juni wurden die vier ersten Solo-Alben von Michael Rother auch als Einzel-LPs und -CDs auf Grönland Records wiederveröffentlicht.

Im Herbst wird Michael Rother auf zwei Berliner Bühnen zu Gast sein: Neben dem Soloauftritt auf dem Festival zum 20-jährigen Bestehen von Grönland Records (Festsaal Kreuzberg, 03./04.10.2019) wird Herr Rother auch auf dem diesjährigen Synästhesie Festival (Kulturbrauerei/Kesselhaus, 17.11.2019) auftreten. Hans Lampe (La Düsseldorf/Schlagzeug) und Franz Bargmann (Gitarre) werden ihn hierbei begleiten.

Und zu guter Letzt dürfen wir noch auf den brandneuen Zugang unserer Reihe #OpenTape hinweisen. Zusammengestellt von eben jener Koryphäe namens Michael Rother. Wir bedanken uns recht herzlich und empfehlen diese sehr feine Selektion. Enjoy!

OpenTape #84 - Michael Rother - Playlist auf Spotify folgen