Molly – Glimpse
© Niko Havranek

Molly Glimpse

„Wow“, dachte ich mir, als mir die Fotos des Presskits unterkamen, „das ist ja mal eine gelungene 80er Jahre-Satire, passt ja perfekt zu meiner derzeitigen Stranger Things Begeisterung und der allgemeinem Verklärung der man diesem Jahrzehnt entgegenbringt!“ Aber Halt Stopp! Die meinen das ernst! „Die“ sind Molly – zwei blasse Buben aus Innsbruck, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen: „So jung und schon so exzentrisch-melancholisch, die hatten es in der Schule bestimmt nicht leicht“, waren meine nächsten Gedanken. Ist ja kaum auszuhalten der ganze Zynismus – muss am neuen Jahr liegen. Na gut, dann hören wir mal in „Glimpse“ rein, ist ja nur eine EP mit drei Tracks.

Dann dauert es gar nicht lange – ich schätze ungefähr einen Augenblick – und ich bin doch tatsächlich ergriffen. Und es dauert gerade mal einen weiteren Augenblick und man sitzt da und hat noch nicht mal richtig begriffen, dass die Musik aus ist, es draußen dämmert und man schleunigst die Wäsche aus der Maschine holen sollte, bevor sie zu müffeln beginnt. Einige Bands schaffen das: Ihre Musik fährt einen regelrecht in den Körper, aber nicht auf physischer Ebene, dass man nicht mehr anders kann, als das Tanzbein zu schwingen, sondern sie resoniert mit der eigenen Gefühlswelt – sie trägt uns auf ihren dunklen Flügeln in Sphären, von denen wir auf die Banalität unseres Alltags herunter- oder – je nachdem – heraufblicken. Der Blick verschwimmt und kurz bevor die erste Träne kullert – aber nein, nein Leute, das liegt nur daran, dass ich vergessen habe zu blinzeln – tauchen wir wieder auf in unser Leben und sind wie vom Donner gerührt ob der Schönheit, die sich in dieser Melancholie verbirgt. „Glimpse“ lässt uns einen flüchtigen Blick (ok, ok, ich lass das jetzt mit den Anspielungen) auf uns selbst in der absurden Verstrickung des Lebens werfen – bonjour tristesse! – als stünden wir im wahrsten Sinne des Wortes neben uns: Musik zum Ausklingen, Runterkommen, Entschleunigen.

So, wieder ewig gelabert, weiß trotzdem wieder keiner, wie man sich die Musik von Molly jetzt eigentlich vorstellen soll. Die EP startet mit dem knapp neunminütigen „Glimpse“. Diffuse Ambientsounds lassen an den Klang der kosmischen Strahlung denken, dieses geisterhafte Rauschen; es sind wohl Stimmen, die sich da herausschälen, bis dann ein träger E-Drum-Beat startet und sich eine Keybordmelodie dazu schmeichelt – ein Kinderlied, das melancholisch aus einer dieser kleinen Spieluhren klingt? Was passen würde, drehen sich die Texte doch augenscheinlich ums Erwachsenwerden. Diese werden von einer Stimme intoniert, die runter geht wie Honig – jetzt befinden wir uns mitten in Dreampop-Landschaften und man ist schon dabei, den unbehaglichen Einstieg zu vergessen; man fühlt sich wie in Watte gepackt, da wird man doch tatsächlich aus dieser traumwandlerischen Atmosphäre gerissen und unvermittelt in Doom-Gefilde gestoßen – da kann man live wohl fast nicht anders als heftigst den Kopf zu bangen, wobei man wohl eher damit beschäftigt ist zu staunen, wie groß und breitwandig gerade mal zwei Leute klingen können. Das ist wahrlich ein Feuerwerk der Emotionen und man kann eigentlich gar nicht fassen, wie viel zu kurz so ein neun-Minuten-Song sein kann. Abgeschlossen wird die EP dann auch schon wieder mit dem zweiteiligen „Time and Space“ – zusammen dauern diese Tracks wieder acht Minuten, dreiundfünfzig Sekunden… Moment! Genauso lang dauert auch „Glimpse“ – Kann das Zufall sein?

Um nochmal kurz auf die Texte zurückzukommen: Schaut man sich diese genauer an, fällt auf, dass Molly sich da wohl einen eigenen kleinen Kosmos aufbauen. Deshalb habe ich vorhin auch geschrieben, dass es augenscheinlich ums Erwachsenwerden geht – als Teil eines generellen, allumfassenden (und wieder: kosmischen) Werdens. Und das bezieht sich nicht nur auf die Texte der aktuellen EP. Auch in den Texten vorangegangener EPs findet sich eine Vielzahl an Vokabeln und Strophen, die sich mit dem ständigen Zeitvergehen assoziieren lassen: Das verstreichen der Jahre (As Years go by), der Lauf der Sonne (Sun Sun Sun), der Verlust der Milchzähne (das taucht gleich explizit zweimal auf; in Milk Teeth und in Glimpse), ein kurzer Augenblick (Glimpse), die Langsamkeit (Slowly), ewige Jugend (Fountain of Youth), Raum und Zeit (Time and Space). Das kann kein Zufall sein – haben wir es hier mit zwei Zeitreisenden zu tun? Auf jeden Fall ist so viel Liebe zum Detail auf den verschiedensten Ebenen einfach bewundernswert und verleiht dem ganzen Paket eine Authentizität und Ehrlichkeit, von denen andere nur träumen können – das ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal!

Ich könnte jetzt noch ewig weiter sülzen, versuchen zu beschreiben, wie beim ziemlich straighten, shoegazig-lärmigen „Time and Space“ plötzlich ein Vokalsolo eine Atmosphäre erzeugt, als wäre man lost in space und alles an was man sich noch klammern kann ist diese betörend traurige Stimme; oder wie wir beim zweiten Teil auch diesen Halt verlieren und in die elektrisch wabernde und pochende Schwärze des Weltraums abdriften; das Einzige was aber zu sagen bleibt, ist: Hört es euch selbst an, diesen kurzen Augenblick. Ihr werdet ihr nicht bereuen!

Eins noch: Auf ihrer Bandcamp-Seite beschreiben sie sich als eine Band, die klinge, als sei sie gleichzeitig aus der Zeit gefallen und ihr voraus. Ich würde sagen, sie sind aus der Zeit und stehen nun neben ihr; denn ihr voraus zu sein bedeutet auch, dass man überholt werden kann.

VÖ: 01. Dezember 2017 via Dalliance Recordings