Von Oliver Schröder, 28. August 2020

Standing on the shoulders of giants: Eigentlich sollte dieser vielköpfige Brocken bereits im Frühjahr erscheinen, aber die allgegenwärtige Krise machte selbst vor den Norwegern nicht halt. Und so richtig dämmert einem die Tragweite dieses Umstands erst, nachdem man mit dem Doppelalbum das erste Mal fertig ist: Wenn sich gewaltige Berge bewegen und sich an anderer Stelle niederlassen, müssen es tatsächlich ungewöhnliche Zeiten sein. Dann kann es eigentlich nicht mehr lange dauern mit der Gezeitenwende. Es sei denn, Motorpsycho kommen mit einem weiteren Album für die Ewigkeit.

„The All Is One“ ist nach „The Tower“ und „The Crucible“ der dritte Teil ihrer nur lose miteinander verknüpften „Gullvag Trilogy“ und die Buchklappe fällt so geräuschvoll zu, dass man erst einmal ein paar Momente braucht, um sich im Anschluss zu sammeln. Immer wieder ist es ein Vergnügen, dabei zuzuhören, wie sich die Band kopfüber in den jeweiligen Song wirft und diesen in allen Farben ausmalt. Mal ist das ein knallbunt schillerndes Progrock-Gewölbe, in dem auch die kleinste verwinkelte Nische kunstvoll ausgearbeitet wird. Mal ist das ein pastellfarbenes Folk-Kämmerchen, durch das ein zarter Windhauch weht.

Der zweite Part des gut vierzigminütigen (Ja, das muss an dieser Stelle ausgeschrieben werden, eine Zahl wäre unangemessen zu kurz.) „N.O.X“.-Quintetts durchzieht eine kernige Anleihe an Mike Oldfields „Tubular Bells“. Nur eine von unzähligen Verweisen und (Selbst-) Referenzen, die das Album spicken wie geschickt eingebaute Samples, deren Ursprung man eher spürt als hört. Schwerer Seventies-Rock, irre Streicher und Prog-Psychedelia sorgen dafür, dass schließlich am Ende nur noch eines übrig bleibt: fassungslose Ehrfurcht. Wo wollen die denn bitteschön noch hin?

„The All Is One“ ist eine ganze Welt, die es zu entdecken gilt. Als Trilogie ergeben die Alben ein wahres Universum, in dem man als Hörer verschwinden und an den unmöglichsten Stellen der Rockgeschichte wieder auftauchen kann. Wer sich dieses Jahr nur ein Gitarrenalbum kaufen möchte, braucht nicht länger zu warten.

VÖ: 28. August 2020 via Stickman Records