Motorpsycho – The Crucible
© Geir Mogen

Motorpsycho The Crucible

Über „The Crucible“ hat Motorpsycho vor Kurzem auf seiner Webseite reflektiert, obwohl das neue Album des Tausendsassa-Trios noch nicht draußen war: „Sowohl visuell als auch musikalisch beginnt das Album dort, wo The Tower aufhörte […]: Es ist noch einen Schritt weiter als alles, wohin sich die Band auf The Tower wagte.“ So hochtrabend wie die gefallenen Pferdefratzen auf dem Cover des Albums ist also auch des Trios Anspruch. Für keine Handvoll neue Stücke nach gefühlt 50 Alben etwas gewagt? Mitnichten. „The Crucible“ ist die Quintessenz aus 30 Jahren Motorpsycho.

Und das will schon was heißen für eine Band, die gerade mal seit der Zeit eines Albumzyklus zusammen Musik macht. Schlagzeuger Tomas Järmyr ist schließlich erst seit dem Vorgängeralbum dabei. Doch schon im ersten der drei neuen Stücke – Ja, Stücke, nicht Songs, denn mit Wiederholungen und Song-Strukturen hat „The Crucible“ wenig gemein – wird klar, dass Motorpsycho homogener denn je wirken.

„Psychotzar“ ist mit knapp neun Minuten das kürzeste. Vom anfänglichen Metalriff über Nuancen zwischen Punk und Prog bis hin zu chorischen Flächen ist alles dabei. Noch facettenreicher geht es in den zirka elf Minuten „Lux Aeterna“ zu: Akustikgitarre im Intro und 1970er-Artrock wirken wie Nachwehen des Hippie-Kults, bis die Blechbläser-Anmut und Wellen des Unbehagens in fast symphonische Breiten ausarten. Aber auch Noiserock- und Fusion-Elemente schlagen die Brücke von der US-Westküste bis England.

Um das neue Motorpsycho-Dreierlei zu komplettieren, bedient sich die Band einleitender Klänge, die wie Straßenlärm oder Wellenrauschen klingen. Dann wütet ein Lemmy-Bass, offene Akkorde und mehrstimmige Gitarrenmelodien sowie jazziges Schlagzeug akzentuieren und stacheln das Stück noch weiter an. Ist das erste Viertel geschafft, tritt ein atypisch sachter Breakdown mit Rassel aufs Parkett, ehe der zunehmend prägende neue Schlagzeuger „The Crucible“ wieder in die Spur lenkt.

Zum Schluss noch ein Synth-Oktaver-Fuzz-Noise-Stop-and-go-Intermezzo und Tim Burtons knochige Stop-Motion-Figur verbeugt sich vor dem Theaterpublikum. Das Filmende zieht sich mit einer Art „Charlie’s Angels“-Gedächtnis-Bassfigur, Gitarrensolo inklusive.

Alles dabei, oder? Über ein Album wie „The Crucible“ zu schreiben, ist schwieriger, als es zu hören. So anstrengend sich das liest, so erwartungsvoll und gespannt lotst das Trio seine Hörerschaft durch etwa drei Dutzend Stilrichtungen. „The Crucible“ ist der massigste Meilenstein einer nunmehr 30-jährigen Rockgeschichte. Herzlichen Glückwunsch für so viel Durchhaltevermögen und Erfindergeist.

16.05.2019 Hamburg – Markthalle
23.05.2019 Hannover – Faust
24.05.2019 Wiesbaden – Schlachthof
27.05.2019 (AT) Wien – Arena
02.06.2019 Reutlingen – franz.K

VÖ: 15. Februar 2019 via Stickman Records
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