Von Julian Neckermann, 27. Mai 2020

Es ist wohl unbestreitbar, dass die 1970er Jahre einen Meilenstein des guten Geschmacks in der Geschichte der modernen Musik markieren – wahrscheinlich dicht gefolgt von den 80ern. Aber da ist es mit dem guten Geschmack wieder eine andere Sache. Nein, das ist auch eher ein Klischee, was dem letzteren Jahrzehnt bestimmt in großen Teilen zu Unrecht nachgesagt wird. Manche Dinge verfestigen sich einfach: Eben auch die Tatsache, dass gerade die 70er als absolut kultig gelten. Das geht mitunter so weit, dass sich auch heute noch immer wieder Bands diesem Sound verschreiben. So auch Mountain Witch, die mit „Extinct Cults“ ihr drittes Album vorlegen – aber von ausgestorbenen Kulten kann hier keine Rede sein, denn was hier präsentiert wird ist schon sehr kultig.

Auch wenn ich eine Phase hatte, in der ich exzessiv die Originale gehört habe, haben mich die Nachfolger nie wirklich interessiert. Mitunter hingen mir dann auch die Vorväter aus dem Hals raus und ich wollte Neues entdecken. So richtig konnte ich den neumodischen Retro-Bands (Wolfmother, Graveyard, etc) nichts abgewinnen. Das heißt nicht, dass ich die Bands schlecht finde aber mir ist es von Zeit zu Zeit einfach zu nah am Original, ist zu wenig eigenständig. Ähnlich verhält es sich mit „Extinct Cults“, zumindest wenn man die ersten Takte des Albums („Capping Day“) hört. Da wird erstmal so offensichtlich wie möglich Black Sabbath zitiert und man denkt sich: Oh nein, da will jemand eben so groß wie Sabbath sein. So verhält es sich dann aber im Weiteren doch nicht ganz – zum Glück: „Mountain Witch“ vermengen in ihrem Hexenkessel nämlich äußert geschickt eine Menge verschiedener Zutaten zu einem doch recht wirksamen Trank: So gesellen sich noch Pentagram, 70er Jahre Judas Priest, Angel Witch oder auch Cathedral (die ja auch schon aus 70er Jahre-Zutaten ihr eigenes Süppchen kochten) dazu. Das ganze schielt also eher in die doomige Düsterheimer –Richtung, in die man sich sehr gut eingrooven kann und unwillkürlich mitwippen muss. Das Ganze wird dazu in einem wirklich warme, lebendigem analogen Sound präsentiert, der, das muss man sagen, wirklich eine Freude ist. Richtig fein abgemischt ist es auch noch. Das Schlagzeug rumpelt nur so dahin und auch der Bass verschwindet nicht im irgendwo im Hintergrund, sondern schält sich immer wieder schön raus.

Wie auch die vorgenannten Cathedral schaffen es Mountain Witch aber bei all der Huldigung des 70er-Jahre-Kultes immer wieder frisch und doch irgendwie modern und eigenständig zu klingen. Besonders gut gelingt das absurderweise beim Albumcloser „The Devil Probably“. Absurderweise, weil sich zu all den eh schon genannten Einflüssen noch Led Zeppelin dazu gesellt. Diese bestimmte LedZep-Leichtigkeit fügt sich aber so überraschend passend ins Klangbild, dass man unweigerlich aufhorcht. Spätestens hier schaffen es Mountain Witch eine eigene Duftmarke zu setzen. Auf den Weg dahin finden sich mit „Back from the Grave“ und „Worship You“ noch weitere Anspieltipps. Ausschläge nach unten sucht man vergeblich – wirkliche Peaks bleiben dabei aber auch aus. Spaß macht „Extinct Cults“ aber allemal.

VÖ: 29. Mai 2020 via This Charming Man Records