Von Nico Beinke, 04. September 2020

Mit diesem Album ist es ein wenig, wie mit einem Werner Herzog-Film: man bewundert den Wagemut und die Bereitschaft an die Grenzen zu gehen, zweifelt aber an, ob das Ergebnis die Strapazen auch wirklich wert war. Nils Petter Molvær und Mino Cinelu haben zwar keinen Flußdampfer über einen Berg gezogen (wie in Herzogs „Fitzcarraldo“), es dafür aber geschafft, exotische Percussion auf somnambule Bläsersätze zu montieren, ohne es Jazz-Traditionalisten unnötig schwer zu machen. In der Person des halbwahnsinnigen Klaus Kinskis, den es für Herzog im Zaum zu halten galt, mag der ein oder andere eine Allegorie auf den Corona-Virus entdecken, der unberechenbar bleibt und die Menschheit in den Wahnsinn zu treiben sucht.

Zur Kunst verdammt – das Los vieler Jazzmusiker. Mino Cinelu hat bereits für den Herrgottvater des Jazz (Miles Davis) die Trommel gerührt und Nils Petter Molvær wurde schon mit seinem Debüt „Khmer“ 1997 zu einer Art Miles Davis-Nachfolger: Trompete im Anschlag und auf zu neuen Ufern. Bis auf wenige Ausnahmen, wie „Take the A-Train“, einer hardbop-basierten Improvisation, die gut zu John Cassavetes aufgekratztem Score seines 50er-Jahre-Meilensteins „Shadows“ gepasst hätte, bewegen wir uns während „SulaMadiana“ in gefälligen Soundscapes gemäßigterer Tempi.

Und weshalb ich an Werner Herzog gedacht habe: Es sind die Sorte Soundscapes, die an Amazonas-Expeditionen denken lassen. An leicht bekleidete Naturvölker in wilder Urwald-Kulisse. Dieses Gefühl vermitteln vor allem die ungewohnt klingenden Percussion-Parts des Franzosen Cinelu. Die unterkühlt wirkende Trompete von Molvær konterkariert diese exotische „Andersartigkeit“. Es bleibt schwer für mich, nun abschließend schreiben zu müssen, ob das Experiment geglückt ist und ich glaube, es ist nicht entscheidend. So wie „Fitzcarraldo“ sicher nicht der beste Film aller Zeiten geworden ist, bleibt er trotzdem im Gedächtnis, als ein nie da gewesenes Abenteuer und so verhält es sich ebenfalls mit „SulaMadiana“.

Den Schlusssatz entlehne ich dem Pressetext, der es treffend zusammenfasst: „In Zeiten wie diesen ist es extrem beruhigend, dass es wenigstens noch Musiker gibt, die die Welt als Ganzes im Auge und Ohr behalten“.

VÖ: 04. September 2020 via Modern Recordings