Oh Sees – Smote Reverser

Oh Sees Smote Reverser

Hunger. Richtig fiesen Hunger hatte er ja immer schon. Das verwunderliche ist nur: er geht einfach nicht weg, dieser Hunger. Mag sein, dass das zigfach gehörnte Übermonster auf dem Albumcover zu „Smote Reverser“, das im Begriff ist, eine ganze brennende Stadt zu verschlingen, diesen Hunger symbolisiert. Jedenfalls hört man dem neuen, genialen Streich von Chefhektiker John Dwyer an, dass er überhaupt nicht gedenkt, satt zu werden. 21 Alben unter der (Thee)-Oh-Sees-Flagge sind es nun. Dazu zig Soloprojekte. Eigenes Label. Mal eben die Psychrock-Szene Kaliforniens revitalisiert und mitgerettet. Shows. Shows. Shows. Bei denen Dwyer jeden Abend wie der Ultimate Warrior des Rock‘n‘Roll performt. Niederknien will man da einfach nur noch. Und milde lächeln über die vielen Copycat-Bands, die gerne Oh-Sees-mäßig klingen würden, denen aber schlicht die Puste fehlt. Da hilft auch kein Speed.

Aber zur Sache: „Smote Reverser“ hat wie jedes Album der Oh Sees einen völlig eigenen Charakter. DAS Metal-Album, wie manche angesichts des Apokalypse-Covers und des Vorab-Wüstlings „Overthrown“ gemutmaßt haben, ist es nicht. Diese Band goes Metal ist aber auch einfach zu simpel gedacht. Punk, Psych, Fuzz, Metal, Prog, Jazz – eh längst alles da und verbrutzelt im sehr, sehr großen Universum des Songwriters John Dwyer.

Zur allgemeinen Erfrischung führen die beiden Opener-Songs „Sentient Oona“ und „Enrique El Cobrador“ gleich eine nicht zu aufdringlich arrangierte Orgel als neues Element ein, während sich abermals ein tief groovender Doppel-Schlagzeug-Wahnsinn und Dwyers höchst melodiöse Riff-Voice-Kombi ausbreiten. Mir den vorab veröffentlichten Songs „C“ (sehr funky) und „Overthrown“ (sehr heavy) pegelt sich die Platte auf dem höchstmöglichen Achterbahn-Level ein und kaum überwältigt einen der erste Schwindel, wird nochmal einen Gang hochgeschaltet: „Anthemic Aggresor“ zur Albummitte entwickelt sich über zwölf gesangsfreie Minuten zu einem herrlich treibenden Prog-Jam, bei dem man zwischenzeitlich das E-Gitarren-Quietschen fast mit Bläsern verwechselt.

Wer danach noch bei der Stange ist, wird selbstverständlich belohnt. Mit Oh-Sees-Maßanfertigungen. Und Gänsehaut, etwa wenn Dwyer eine kurze Pause der In-die-Fresse-Gitarren von „Abysmal Urn“ nutzt, um auf seine unnachahmliche Art zu hauchen: „Your generation. Is complicated. I see you‘re feeling down. What happened to them. Complete destruction.“ Härter wird‘s danach nicht mehr. Die letzten Songs „Flies Bump Against The Glass“ und „Beat Quest“ sind sogar eher mellow Rausschmeißer, mit eingestreuten Dahinschmelz-Momenten im sonnenuntergangsgefärbten California-Style. Und gerade als man denkt: „Shit, jetzt nervt der Orgel-Typ doch noch“ – ist sie aus, die schöne, neue Platte.

„To make a psychedelic record it‘s the easiest thing in the world – you just get the right effects: echo and flange and a theremin and a stomping beat. But you can make a lot of rubbish doing that“, sagte Marc Riley kürzlich in einem Interview. Die Oh Sees hebt der The-Fall-Gitarrist und heutige BBC-6-DJ ausdrücklich hervor: „To make a great psychedelic record, isn‘t easy, and these guys do it.“ Hoffnungslos angefixt vom unbändigen Hunger des John Dwyer wurde Riley natürlich auf einem Konzert. „If you see Oh Sees live, you won‘t see a more ferocious thing; it‘s like world war three. The first time I saw them, was the most amazing thing I‘d seen in my life.“ Und der Typ stand mit Mark E. Smith auf der Bühne. Nur gut, dass die nächste Runde Shows bereits naht. Wohl bekomms.

05.09.2018 Köln – Gebäude 9
06.09.2018 Berlin – SO36
07.09.2018 Frankfurt – Zoom

VÖ: 17. August 2018 via Castle Face Records
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