Protomartyr – Relatives In Descent
© Daniel Topete

Protomartyr Relatives In Descent

Dass Detroit seit vielen Jahren nicht nur bloße Techno-Hochburg ist, sollte klar sein. Immer schon war die Stadt eine Art Influencer in musikalischer Hinsicht – Detroit Motor City, die Mutterstadt die viele verschiedene Stile von Gospel, Jazz, Rock über Hip Hop in all seinen Facetten weltweit geprägt hat. Ein großartiges Paradebeispiel dafür, dass dort auch gitarrenlastige Musik auf höchstem Niveau entsteht, ist das Post-Punk Quintett Protomartyr. Über die Jahre groß geworden (oder eben relativ klein geblieben) in den Bars und Keller-Clubs des Bundesstaates Michigan, spielte sich die Gruppe mit ihrem unverkennbaren rauem Rock-Sound hin zum allseits bekannten SXSW oder dem Pitchfork Music Festival. Nach einer intensiven Tournee im Jahre 2015, zog sich die Band aus dem Live-Geschehen zurück und machte sich schließlich im Frühjahr 2017 an die Arbeit zum nunmehr vierten und aktuellen Studioalbum „Relavtives in Descent“, welches unter der Federführung von Co-Produzent Sonny DiPerri (Animal Collective, Dirty Projectors) innerhalb von gut zwei Wochen in L.A. aufgenommen wurde.

Auf zwölf Tracks entführt uns die Band auf die dunkle Seite in altbekannter Protomartyr-Manier. Wer mit Protomartyr nicht firm ist, aber auf den Sound der Sleaford Mods (frei von british accent versteht sich), späte und mildere Hot Water Music (Don’t Go To Anacita) steht, oder – um die Liste der Referenz-Bands noch verrückter zu stricken – etwas mit den richtig alten The Wedding Present anfangen kann, ist mit Relatives in Decent relativ gut bedient. Wer zudem schräge und teils morbide Lyrics mag ebenfalls: Wer kommt schon auf die Idee von Elvis Presleys Zeit in der Armee (A Private Understanding) zu singen, bei der er nach Interpretation von Sänger Joe Casey angeblich das Gesicht Joseph Stalins am Himmelszelt sah? Man weiß es nicht, ist aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Der Nachfolger der letzten drei Alben ist etwas milder gestimmt und fast schon poppig angehaucht, wenn man sich zum Beispiel „Blooming Cereus“ herausgreift. Ein gewisser 80er Jahre Einfluss ist hier unüberhörbar und man fragt sich ein wenig, was dieses Stück im sonst abgerundeten Soundbild des restlichen Albums zu suchen hat. Fast schon ein wenig im Ton vergriffen könnte man meinen, gerade wenn darauf die Altherren-Mitgröl-Hymne „Male Plague“ folgt. Aber ein wenig Schwund ist ja bekanntlich immer. Auch in Detroit.

06/11/2017 Berlin – Bi Nuu
08/11/2017 Hamburg – Knust

VÖ: 29. September 2017 via Domino Records