Von Christian Selzer, 31. Juli 2020

Digital ist besser? Glauben auch nur noch Tocotronic. Handgemacht ist wieder angesagt, oder, wie im Falle des britischen Produzenten Ryan Lee West: handgemalt. Sein neues Rival-Consoles-Album „Articulation” hat dieser nämlich komponiert, indem er seine musikalischen Ideen als Formen und Muster zu Papier brachte. So versuchte West, ein neues Verständnis von Musik zu entwickeln – ganz bewusst ohne den Computer.

Am Ende dieses Prozesses steht ein Album, das man am ehesten mit einem Rothko-Gemälde vergleichen könnte: Beide eint die Vorliebe für leuchtende Kontraste und grobe Texturen, die sich Schicht für Schicht zu abstrakten Landschaften auftürmen und viel Projektionsfläche für eigene Interpretationen bieten. Wie nuanciert West seine Klangwelten mittlerweile zu manipulieren vermag, zeigt der beeindruckende Album-Auftakt „Vibrations on a String”. Vordergründig irgendwo zwischen Minimal und IDM angesiedelt, schwanken die Melodien und Bässe wie Bananenkisten im Bauch eines Supertankers, türmen sich auf, nur um im nächsten Moment wieder haltlos in die Tiefe zu stürzen. Großes Kopfkino verspricht auch der beatlose Track „Melodica”, der warme Synthesizer-Flächen durch weite Hallräume schickt und so selbst den Schienenersatzverkehr nach Schmargendorf zum Roadtrip ins eigene Unterbewusstsein werden lässt. Das titelgebende „Articulation“ hingegen legt mit treibenden Breakbeats Knoten in die Hirnwindungen und ist der beste Beweis dafür, dass gute Musik Kopf und Hüfte gleichzeitig ansprechen kann.

Mit „Articulation” erweitert Rival Consoles seine Ausdruckskraft um neue Klangfarben. Verflochtene Strukturen, endlose Hallräume und schwirrende Melodien verleihen den Songs eine Tiefe, die man auch in der experimentierfreudigen elektronischen Musik nicht alle Tage hört. Ein Album, das aufwühlt, mitreißt – und wie ein gutes Gemälde Zeit und Raum vergessen lässt.

VÖ: 31. Juli 2020 via Erased Tapes