Von Jan-Frederic Goltz, 03. August 2020

Wo fängt man an, am Anfang mal ausgenommen? Beim Albumtitel, der mich als passionierten Grafikdesigner natürlich sofort anspricht oder bei den durchaus verwunderlichen Namen der insgesamt acht Stücke? Ich kann mich selbst bei den Titeln nur schwer entscheiden. Zwei meiner Favoriten sind in jedem Fall „Die Kunst des falschen Timings“ und „Dann doch lieber weisse Wände“ — aber Oberflächlichkeiten mal beiseite.

Apropos Oberflächlichkeit: Das Duo Sankt Otten bedient sich auf ihrem Album zahlreicher Retro-Sounds. Da das immer negativer klingt, als gemeint: Hier scheint alles authentisch auf Original-Hardware eingespielt. Ich würde zwar nicht so weit gehen und sagen — jau, das hört man raus — für ein derartiges geschultes Ohr reicht das meinige bei weitem nicht aus, aber diese Herangehensweise verdient stets meinen vollen Respekt. Und natürlich Neid. Scheint ein gut selektierter Instrumenten-Fuhrpark zu sein.

Diese Instrumentierung wiederum erzeugt unweigerlich den typischen Klang, den es für ordentlichen Krautrock oder Elektronika benötigt. Und scheinbar auch für die geometrischen Stunden des Tages. Ich finde übrigens, so viel Geometrie ist gar nicht zu hören. Die Arrangements sind vornehmlich organisch, fließen angenehm sanft ins Ohr – man fühlt sich ein wenig wie in Filmen aus einer anderen Zeit. 70er. 80er. Vom Krimi über Sci-Fi, oder eine Dokumentation über überdimensionierte Computerrechenmaschinen ist alles auf diesem Soundtrack dabei.

Die Drums, die neben raffiniert gesetzten Arpeggios als ein eher zurückhaltender Rhythmusgeber agieren. So kennt man die 808 in der elektronischen Musikszene heutzutage nur selten. Prägnant sind sie am ehesten im Stück „Du hast dem Schicksal die Show gestohlen“ oder den bereits erwähnten weißen Wänden. Der Fokus des Duos Sankt Otten liegt auf ihrer Veröffentlichung eindeutig auf sich überlagernden analogen Flächen oder lang nachhallenden Ebow-Gitarren.

So ist „Lieder für Geometrische Stunden“ definitiv ein Album für Liebhaber der analogen Klangerzeugung. Wie heißt es doch gleich im Pressetext so vortrefflich: Conny Plank hätte vermutlich sein okay gegeben. Da gehe ich mit.

VÖ: 31. Juli 2020 via Denovali Records