Scarabæusdream – Crescendo
© Kurt Prinz

Scarabæusdream Crescendo

Zitiert aus dem Promotext: „Viele wilde Wortkonstrukte werden ausgepackt um Scarabæusdream einem Genrezuzuordnen [sic].“ Und die nun folgende Rezension wird sich daran nahtlos anschließen. Denn „Crescendo“, das inzwischen dritte Album der Band, ist in der Tat ein Album, das zu beschreiben viele Worte einfordert. In eine klare Schublade mag es nicht passen, dazu passiert über zehn Tracks einfach zu viel.

Aber fangen wir doch einfach mal beim Anfang an. Der Albumtitel „Crescendo“, im musikalischen Kontext einen Lautstärkenanstieg bezeichnend, führt den geneigten Hörer zunächst in die Irre. Denn es ist keinesfalls so, dass das Album zum geruhsamen Aufgalopp einlädt, es geht von Anfang an ganz gehörig auf die Zwölf. Für die nächsten zehn Tracks reitet Bernd Supper auf einem wildgewordenen Piano seinen persönlichen Parforceritt durch die jüngere Musikgeschichte und lässt sich dabei von seinem Kollegen Hannes Moser an den Drums begleiten. Mehr braucht es nicht. Zu zweit kondensieren Scarabæusdream Harmonien seit Chopin in ihre eigene Spielart von Noise/Pop. Wenn Muse von der grandiosen „Origin of Symmetry“ (die Platte wird dieses Jahr übrigens volljährig, heiliger Bimbam. An dieser Stelle noch frohes Neues.) die interessanten Impulse mitgenommen hätte, anstatt straight into Stadionrock zu gehen – so viel anders als Scarabæusdream hätten sie womöglich nicht geklungen.

Wenn sich eine unbändige Energie freisetzt, besteht grundsätzlich immer die Gefahr eines gewissen Kontrollverlustes – aber diesbezüglich braucht man sich bei Scarabæusdream nicht zu sorgen. Die Tracks unterscheiden sich teilweise ganz erheblich – während der Hörer noch dabei ist, die gesamte chaotisch/organisierte Widersprüchlichkeit von „But me!“ zu verarbeiten, präsentiert sich nur zwei Tracks später „Geee!“ als ziemlich zeitgemäß arrangierter Popsong. Aber verbunden durch ein jahreszeitgemäßes Yves Klein Blau als Klangfarbe erkennt man die Songs doch als die beiden musikalischen Seite der emotionalen Medaille. Und das zieht sich so durchs ganze Album.

Damit wird dann aber auch die Frage nach dem Genre (so überbewertet man sie für sich genommen ohnehin schon finden kann) vollkommen überflüssig. Die Musik der Band steht für sich – und obgleich dieser Satz oft nur Platzhalter für die nicht in Worte zu fassende Unfähigkeit des Rezensenten ist, sich Worte auszudenken, möchte ich mich in diesem Fall frei sprechen: Scarabæusdream zitieren aus einem so überbordenden Fundus an Musik, dass dies kaum als Commitment zu einer Genre-/Subkulturzugehörigkeit gehört werden darf. Es ist eher das selbstbewusste Abstecken des eigenen Territoriums, das hier in Musik gefasst wird. Und dabei bleiben Scarabæusdream nicht eben bescheiden.

Was diesem Akt dann schließlich die Substanz verleiht, die das Album nicht ohnehin schon per Musik hat, das ist die Emotionalität des Albums. So beeindruckend die Musik ist, der Zusammenhalt der Stücke entsteht aus der melancholischen Wut, die das Album umweht. Getragen wird sie neben musikalischen Details vor allem vom Gesang, der sich oft an der Grenze bewegt, manchmal ein bisschen mit der Dringlichkeit desjenigen, der jetzt wirklich mal impulsiv was loswerden muss übersteuert und manch anderes Mal etwas gedämpfter daher kommt.

„Crescendo“ ist ein aufwendiges Album. Der Zufall spielt hier keine Rolle, das Album lebt auch nicht von Spontaneität oder Naivität – alles nach Plan. Und dann braucht man vielleicht doch nicht allzu viele Worte um das Genre des Albums in Worte zu fassen: Organisiertes Chaos in Yves Klein Blau. Nailed it.

18.01.2019 (AT) Innsbruck – PMK
19.01.2019 (AT) Hard – Kammgarn
25.01.2019 (AT) Linz – Stadtwerkstatt
31.01.2019 (AT) Wien – Chelsea
02.02.2019 (AT) St. Pölten – Freiraum
15.06.2019 Viechtach – Altes Spital
03.08.2019 Chemnitz – Insect Lounge Festival

VÖ: 18. Januar 2019 via Noise Appeal
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