Von Nico Beinke, 11. September 2020

An Sophie Hunger hat mich immer – vor allem anderen – ihr Nonkonformismus beeindruckt. Einhergehend mit einer alternativlos erscheinenden Ehrlichkeit, die ganz sicher als Zivilcourage verstanden werden darf, bricht sie konsequent mit Erwartungshaltungen ihrer Hörer, ihrer Konzertbesucher und vor allem mit denen der Presse. Das hat nicht einmal mehr was mit Mut zu tun, sondern mit Aufrichtigkeit und der oftmals nur dahingesagten Authentizität. Sophie Hunger ist spannend als öffentliche Person mit einer Meinung, vielleicht sogar mindestens so sehr, wie als Musikerin.

Auf dem siebten Studioalbum der Wahl-Berlinerin sind elektronische Einsprengsel zu verzeichnen, die nicht der Rede wert wären, wenn nicht die fünf zuvorderst veröffentlichten Alben vermuten ließen, Hunger würde sich niemals solchen (in ihrem Klangspektrum) überflüssig erscheinenden Spielereien öffnen. Und an der Annahme ist vielleicht immer noch etwas dran, denn die Schweizerin ist nun weiß Gott nicht darauf angewiesen, ihr ausgezeichnetes Songwriting zu pimpen, weswegen es ein ganz klein bisschen egal ist, ob nun per Mausklick nachgeholfen wird, oder auch nicht. Aber es gibt ebenso chansoneske, rein analoge Songs während „Halluzinationen“, die nicht nur durch Titel wie „Rote Beeten aus Arsen“ an „Narzissen und Kakteen“ von Element of Crime erinnern, sondern ebenso die leicht morbide, melancholische Grundstimmung teilen.

Mit Produzent Dan Carey scheint nun das Hungersche Repertoire gar grenzenlos. So ward die leicht größenwahnsinnige Idee geboren, alle Stücke in einigen, alle zehn Songs umfassenden Live-Takes einzuspielen, und zwar in den Londoner Abbey Road Studios. Ihre lyrischen Qualitäten sind ebenso unbestritten, aber die abschließenden Verse des Openers „Liquid Air“ sind von einer zeitlosen Güte – die grundlegend wichtigen Dinge schienen Sophie Hunger immer beeindruckend klar zu sein. Es ist wichtig zu wissen, was nicht mehr sein darf.

Live your life in taverns on english liquid air / I can live in any place but I can‘t live there

VÖ: 04. September 2020 via Caroline International