Spiritualized – And Nothing Hurt
© Juliette Larthe

Spiritualized And Nothing Hurt

Mit kindlicher Fröhlichkeit steigt Jason Pierce in das achte Studioalbum von Spiritualized ein und wie er da so trällert, zwischen Glocken und Akustikgitarre, fühlt man sich plötzlich ein wenig, als stünde man seit Jahren an irgendeiner Bushaltestelle in irgendeinem Kaff und warte darauf, von ihm abgeholt zu werden. Nur von ihm. „I’d like to sit around and dream you up a perfect miracle“, hört man Pierce singen. Und: „I’d part the clouds and have the sun proudly shining on you. I’d take the stars as well and line them up to spell: ,Darling, I love you!‘ And little by little watch it all come true.“

Ja, dieser erste Song („A Perfect Miracle“) macht einen direkt verliebt. Mit einfachen Triggern zaubert er Gefühle hervor, die man seit knapp drei Jahrzehnten mit dieser Band und diesem Mann verbindet. Dass der zweite Track „I‘m Your Man“ heißt und in der demütig machenden Gefühlsduseligkeit weiter herum rührt, könnte man nun als eiskaltes Kalkül abtun oder als sympathisches Spiel mit der eigenen Genialität verstehen. Dann heben Gitarre und Stimme kurz, aber bestimmt zur Spiritualized-eigenen Psychrock-Gospel-Opulenz an und man schaut zu wie der Brite Pierce mit seiner gutaussehend dürren Gestalt im dazugehörigen Clip als verwirrter Astronaut durchs kalifornische Niemandsland herumirrt. Da weiß man: genial.

Dabei hat er es sich nicht leicht gemacht mit diesem Album, wie die Plattenfirma munter mitteilt. Ganz allein sei Pierce in seiner Wohnung in Ost-London herum gesessen und habe sich erst einmal mühsam in die schöne neue Welt der gänzlich digitalen Aufnahmetechnologie hineingewurstelt. Aber, möchte man fragen, warum hat ihm, dem Genie, das schon in den 1980ern gänzlich neue Noise-Welten mit Spacemen 3 für sich und die Nachwelt erschloss, denn keiner geholfen am Laptop. Klar, die üppigen Rockstar-Budgets, die es zum 1997er-Überalbum „Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space“ noch in Hülle und Fülle gab, sind längst Geschichte. Doch ein Anton Newcombe zum Beispiel sitzt auch schon seit vielen Jahren immer allein im Studio und produziert die Platten von Brian Jonestown Massacre in DIY-Manier – man hätte sich ja mal zusammen tun können? Und schon endet der dritte Song „Here It Comes (The Road) Let‘s Go“ mit eindringlicher Flüsterstimme und man ahnt: Allein ist manchmal besser.

Die üppiger arrangierten Stücke „Let‘s Dance“ und „On The Sunshine“ holen einen nun schnell heraus aus der ganzen Grübelei und verdeutlichen mit lautem Hallelujah, dass neben Jason Pierce natürlich jede Menge großartige Musiker an „And Nothing Hurt“ beteiligt gewesen sein müssen. Insgesamt waren es wohl rund 20. Nur die Kunst, die vielen digitalen Spuren zu einem extrem warm und homogen klingenden Ganzen zu formen, das in seiner Wall-of-Sound-haftigkeit in keiner Sekunde kleiner klingt als das, was es ist, diese Kunst hat Pierce offenbar allein vollbracht.

„Don’t call the morning after. Won’t stop the big disaster“, singt Pierce zur Eröffnung des letzten Plattendrittels. Und: „Don’t miss the main event. You gotta pay the rent. You gotta give it all away. And you have gotta go. C’mon c’mon c’mon c’mon – we’re living in the modern world.“ Sehr zutreffend erkannt und gut, dass er sich mit 53 Jahren endlich mal ein Laptop zugelegt hat. Das hat sich gelohnt und schmerzt überhaupt nicht. Oder wie Jason Pierce in der New York Times reflektiert: „I thought, if I’m going to make a record at my age, there has to be a reason that it should be there, that it should exist. And it shouldn’t be me trying to pretend I’m 23. The language had to be relative to me now, and I wanted to make something that reflected that passage of time.”

24.11.2018 Berlin – Synästhesie Festival

VÖ: 07. September 2018 via Bella Union
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