Von Jan-Frederic Goltz, 03. November 2020

(Notiz an mich: Dies hier ist übrigens meine „habe-ich-bereits-vergessen-wievielte“ Rezension auf dieser Plattform, die von Stella Sommer handelt. Ein Versuch sich nicht zu wiederholen.)

„Northern Dancer“ heißt das aktuelle Album der mittlerweile in Berlin lebenden Künstlerin Stella Sommer, die ja schließlich allen durch ihr Projekt Die Heiterkeit unlängst bekannt sein sollte (1). Wem jetzt ein Fragezeichen über dem Kopf schweben sollte, muss an dieser Stelle leider nachsitzen.

Songwriting stand ihr ja schon immer gut. Doch dieses mal wurde nicht nur eingesungen, komponiert und arrangiert, sondern auch gleich noch alleine eingespielt, nebenbei ein Label gegründet und zu guter Letzt auch noch fast komplett in Eigenregie aufgenommen. Herausgekommen sind, wie sollte es auch anders sein, zehn ganz und gar bezaubernde Stücke (2). 2020 — das Jahr der Eigeninitiative. Wenngleich auch von Lowtzow (3) stets das Gegenteil davon propagiert: „Was Du auch machst, mach es nicht selbst.“ Doch gerade jetzt schreiben wir ein Momentum, wo es (fast) nicht mehr anders zu gehen scheint. Ein guter Zeitpunkt also: alles geht krachen, flöten, vor die Hunde. Krisen als Chancen verstehen (Gemutmaßt). Man hat ja sonst nichts. Apropos Zeit, apropos Dirk.

Ist es der Wandel der Zeit, sind es andere Einflüsse, ist es dieses Berlin, Produzent Max Rieger oder geht es nur mir, als fast schon passionierten Stella Sommer Rezensent so, dass die Grundstimmung und Stimmlage eine andere ist, als gewohnt? Will ich weniger Päffgen (4) raushören als sonst? Alles scheint heller, strahlender, gar schon optimistischer als sonst. Verbuchen wir es unter künstlerische Weiterentwicklung. Nach zehn Jahren im Musikgeschäft muss man sich da auch eigentlich nicht mehr wundern, wenngleich man ihre musikalischen Idole hier und da natürlich unverkennbar heraushört (5).

Schade wäre an dieser Stelle natürlich der komplett falsche Begriff: „Northern Soul“ ist für mich persönlich fast schon zu gelungen produziert. Vielleicht mag das aber wiederum an meinem ganz eigenem Geschmack liegen. Nämlich, dass ich mir nach all den Platten und Alben immer noch heimlich wünsche, dass das Ganze ein wenig amateurhafter und verrauschter von sich geht. (Sorry, Grouper Fan-Boy)

Somit ist das Album stilistisch gesehen keine große Überraschung — auf der anderen Seite wiederum eine lupenreine und typische Sommer Platte (6 +1 wegen Wortwitz) — irgendwo zwischen Folk, Chanson (8) 60s und, äh, vielleicht Western? — all das nur irgendwie ein wenig anders also sonst. Im positiven Sinne. Markant fielen bei der ersten Hörprobe unter anderem der Titel „The Flowers Won’t Grow“ auf – ein simples, aber unglaublich schönes Klavierstück. Oder aber das unendlich schimmernde, Interlude-artige „We Only Part“. Falls jemand nach Synthesizern oder Hörner suchen sollte, sie sind tatsächlich auf dieser Platte vertreten. Schlagzeug eher weniger, dafür mehr Percussion als gewohnt.

Ich bin mir sicher, dieses Album spendet Trost in Zeiten, die vage und ungewiss sind. Die Melancholie (9) und Schweremut dieses Albums wird über den sich anbahnenden Pessimismus gen Ende diesen Jahres siegen. Falls ihr schon jetzt Tipps für die Weihnachtseinkäufe benötigen solltet, mit diesem Album kann man nichts falsch machen. Es passt in diese Zeit und ist jetzt schon die wohl treffendste Herbst/Winter Platte 2020.

9 von 10 — nein, das ist nicht die Bewertung, sondern mein kläglicher Versuch mich inhaltlich nach all den Rezensionen über Stella Sommer nicht zu wiederholen. Gescheitert!

VÖ: 30. Oktober 2020 via Northern Dancer Records / The Orchard