Von Nico Beinke, 26. Oktober 2020

Was tun, wenn offenkundig Songwriting auf allerhöchstem Niveau geboten wird und die Begeisterung trotzdem ausbleibt? Ich nenne es mal das Warren-Zevon-Phänomen: Unfassbar gut inszeniertes Liedgut trifft auf eine etwas dröge Umsetzung. Oftmals sind es einfach nur Details, wie die Art des Gesangs oder gar nur die Stimmfarbe/Intonation, die vielleicht gerade nicht passen. Vom Talent her müssten vielmehr Ron Sexsmith, oder John Darnielle von den Mountain Goats die Charts anführen. In einer gerechten Welt, in meinem persönlichen Utopia sozusagen.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, handelt es sich im Falle von „Getting Into Knives“ um das 24. Studioalbum der Mountain Goats aus Claremont, Kalifornien, seit ihrer Gründung im Jahr 1991. Da liegen wir also bereits bei ca. 300 bereits veröffentlichten Songs – Darnielle schätzt, er habe noch einmal 300 geschrieben, die es noch nicht auf Konserve geschafft haben. Ohne Worte …

Die etwas schwammige Genrebezeichnung Americana wählend, würde ich gerne Silver Jews, American Music Club, Lambchop und Calexico als vergleichbare Referenzen bemühen. (Lambchop ohne den Vocoder-Quatsch, der letzten Alben und Calexico ohne die Mariachi-Bläserfraktion). Wobei es an Blechbläsern nicht mangelt, bloß sind diese nicht am Rio Grande beheimatet und bilden eher den Hintergrund einiger der 13 Songs. Die Nähe zu den beiden letztgenannten Bands würde ich gerne anhand von „Picture of My Dress“ belegen, da Kurt Wagners zurückhaltende Gesang durchblitzt und es mich ganz allgemein sehr an das wunderbare „Algiers“-Album Calexicos erinnert.

In „Tidal Wave“ singt Darnielle: „Everything becomes a blur from six feet away“, zu einem verwaschenen Jazz-Drumming und nachdenklichen, improvisationsähnlichen Klaviaturen aus Piano und Orgel. Welch passender (sehr wahrscheinlich nicht beabsichtigter) Vergleich zum derzeitigen, öffentlichen Leben. Auf Abstand und maskiert.

VÖ: 23. Oktober 2020 via Merge Records