Von Alex Schulz, 21. August 2020

Der Sound, der von den heimischen Indie-Helden von The Notwist in absehbarer Zukunft zu erwarten sein dürfte, enthüllt sich Stück für Stück weiter. Die EP „Ship“ ist nun vollständig erschienen. Deren Titel-Track wurde bereits drei Wochen im Voraus ausgekoppelt. Hier nun also ein Update zum langersehnten Release:

Die zwei bislang fehlenden Tracks verraten in erster Linie eines; die Weilheimer Band wagt den Schritt ihren reichen Erfahrungsschatz in der Komposition von Filmmusik auch verstärkt in die eigene Diskografie einfließen zu lassen. Soundtracks scheinen ohnehin seit jeher wie das Steckenpferd der Band. Bereits wenige Jahre nach der Gründung 1989 begann sie mit derartigen Nebenprojekten und ist bisweilen eng mit der Kunstform verknüpft. Nur war das komponierte Material seither weniger mit der Band, als mit den jeweiligen Filmen in Verbindung zu bringen. Die einzige Ausnahme bildete der Soundtrack zu „Sturm“ aus 2009, der als komplettes Band-Album (ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis) herausgebracht wurde. Auf „Ship“ debütieren eindeutige Soundtrack-Elemente nun auch im Hinblick auf eine ganz normale Notwist-Platte. Ursprünglich für den Indie-Film „One Of These Days” von Bastian Günther aufgenommen, findet sich „Loose Ends“ schließlich auf der neuen EP wieder. Selbiges gilt für „Avalanche“, das abschließende Instrumental (offenbar benannt nach dem Arbeitstitel des Films aus dem Frühjahr 2020).

Bei beiden Tracks heißt es Augen schließen und genießen! „Loose Ends“ beginnt bereits mit einem mehr als filmreifen Intro. Eine Klimax, die urplötzlich von ruhigen, vertrauten Gitarrenklängen, gepaart mit der seichten Stimme Markus Achers, abgelöst wird. Seine Stimme, wie gewohnt so vernehmbar als käme sie aus dem Off, ist zweifelslos prädestiniert zur musikalischen Untermalung jeglichen Bewegtmaterials, und sei es nur vor dem inneren Auge. Es wird eine weitere balladeske Klimax aufgebaut – spät einsetzende Drums, weiter strukturgebendes Klavierspiel und zu guter Letzt ein sägendes Gitarrenriff, unterstrichen von einer ebenso sägenden Synthline sorgen für einen abwechslungsreichen Song mit Wiederspielwert.

In anderer Notwist-Manier, leicht frickelig angehaucht, liefert „Avalanche“ ein Instrumental, das schnell im Ohr bleibt. In erster Linie ist dies dem Flötenspiel zuzuschreiben, das den Hörer durch den Song begleitet und mit seiner Stimmung Bilder einer persönlichen Wohlfühloase erweckt. Ein kleines bisschen wie der modernere „Sound of the Shire“, der uns Menschen in die friedlichen Weiten von J.R.R. Tolkiens Auenland versetzt.

13.09.2020 München – aussen: welt. Festival

VÖ: 21. August 2020 via Morr Music